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Bankenstresstest: Bankenaufseher warnen vor weiterem Renditeverfall

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Frankfurt Die hartnäckig niedrigen Zinsen dürften die ohnehin geringe Profitabilität deutscher Banken weiter belasten. „Die Aussicht auf ein anhaltend historisch niedriges Zinsniveau macht einen weiteren Rückgang der Rentabilität sehr wahrscheinlich“, teilten die Finanzaufsicht Bafin und die Bundesbank am Montag mit. Zu diesem Schluss kommen die beiden Behörden nach Auswertung eines Stresstests, den sie unter 1412 kleineren Banken und Sparkassen durchgeführt hatten.

Aus Sicht der Bundesbank erwägen die Institute mittlerweile drastische Schritte um gegenzusteuern. „Banken ziehen in ihren Planrechnungen vermehrt auch eine mögliche Weitergabe negativer Zinsen an Kunden in Betracht, bislang trifft dies allerdings vor allem Geschäftskunden und vermögende Privatkunden“, sagte der für Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling.

Mittlerweile wollen 42 Prozent der befragten Banken negative Zinsen weitergeben. Vor zwei Jahren traf dies erst für 23 Prozent der Banken zu. Bislang wollen aber nur neun Prozent der Banken diese Negativzinsen auch an ihre Privatkunden weiterreichen, die planen das nur im Firmenkundengeschäft.

Weitere Zinssenkungen würden das Bild aber deutlich verändern. Sinkt das Zinsniveau um ein Prozentpunkt ab, würde jede zweite Bank Negativzinsen auch für Privatkunden in Betracht ziehen, jede fünfte Bank würde das dann auch noch einmal im Firmenkundengeschäft tun.

Drohende Negativzinsen für Privatkunden hatten sich in den vergangenen Wochen zu einem Politikum entwickelt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte ein Verbot von Negativzinsen für Privatkunden ins Spiel gebracht, Bundesfinanzminister Olaf Scholz prüft so eine Option. Scholz hatte gesagt, es sei klug, wenn die Banken des einfach lassen würden.

Das Stresstest-Ergebnis zeigt allerdings, wie sehr die Kreditinstitute wegen der Niedrig- und Negativzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) in den nächsten Jahren unter Druck geraten.

Banken und Sparkassen, die bis 2023 mit einer konstanten Zinsentwicklung geplant haben, rechnen mit einem Rückgang ihrer Gesamtkapitalrentabilität um zwei Prozent, zeigt das Testergebnis. „Diese negative Entwicklung dürfte sich vor dem Hintergrund des seit der Umfrage weiter gefallenen Zinsniveaus verstärken“, so Bafin und Bundesbank.

Niedrigzinsen verleiten zu unvorsichtigem Verhalten

Nicht alle der Kreditinstitute haben bereits den Ernst der Lage erkannt, denn rund die Hälfte der befragten Institute haben bei ihren Ertragsplanungen mit steigenden Zinsen kalkuliert. Aus Sicht der Bankenaufseher haben sie „damit zu optimistisch geplant“.

Entsprechend unplausibel dürfte die durchschnittliche Prognose der befragten Banken sein, die davon ausgehen, dass ihre Rentabilität steigen und ihr Jahresüberschuss in fünf Jahren um fast ein Viertel höher sein wird als aktuell.

Doch in einem Stressszenario ist nach Kalkulationen der Bankenaufseher mit einer Verschlechterung der harten Kernkapitalquote von 3,5 Prozentpunkten zu rechnen. Die harte Kernkapitalquote ist die wichtigste Kennziffer für die Kapitalstärke einer Bank.

Der Stresstest bestätige die Einschätzung der Behörden, dass die Niedrigzinsphase „eine erhebliche Herausforderung für die Banken darstellt“, sagte der für Bankenaufsicht zuständige Exekutiv-Direktor der Bafin, Raimund Röseler. „Gleichwohl sind die deutschen Institute im Durchschnitt auch im Stressfall solide kapitalisiert“, so Röseler.

Eine mittlere zweistellige Zahl von Banken bekäme beim von den Aufsehern vorgesehenen Stressszenario ernsthafte Schwierigkeiten und würden die nötigen gesetzlichen Kapitalkennziffern nicht mehr erreichen. „Das bedeutet aber auch, dass über 90 Prozent der Banken im Stressszenario keine Probleme bekommen“, betonte Bafin-Exekutivdirektor Röseler.
Eine „Flut von Bankenpleiten“ erwartet er nicht, auch wenn es zu einem wirtschaftlichen Abschwung kommt. „Aber für manche wird die Situation schon härter“, so Röseler.

Die niedrigen Zinsen verleiten die Institute mittlerweile aber zunehmend zu einem unvorsichtigen Verhalten. Im Rahmen des Stresstests haben Bafin und Bundesbank beim diesjährigen Test auch die Kreditvergabestandards unter die Lupe genommen. Sie haben dabei festgestellt, dass der Wettbewerb um Firmenkunden in Deutschland immer härter wird – und dass Banken dabei auch auf immer laxere Bedingungen einlassen.

Es gebe „Indikatoren, die auf eine Aufweichung der Kreditvergabestandards schließen lassen“, erklärten die Aufsichtsbehörden. „So ist der Anteil von Blankokrediten und Krediten mit endfälliger Tilgung vor allem bei kleineren Unternehmenskunden gestiegen.“

Blankokredite sind Darlehen ohne Sicherheiten. Kredite mit endfälliger Tilgung müssen erst am Ende der Laufzeit zurückgezahlt werden – und nicht in jährlichen Raten. Dadurch steigt für die Banken das Risiko, dass der Kreditnehmer am Ende nicht zahlen kann und die Bank einen Großteil des Kredits abschreiben muss.

Lockerung der Standards „aber aktuell unkritisch“

Auf der anderen Seite betonten Bundesbank und Bafin, dass sich der Anteil bonitätsstarker Kreditnehmer erhöht habe. Zudem seien die durchschnittlichen Kreditlaufzeiten kürzer geworden. Die Aufsicht will die Situation im Auge behalten und „die weitere Entwicklung vertieft analysieren.“

Alles in allem sei die Lage bei den gelockerten Kreditvergabestandards aber besser als erwartet, betonte Röseler. Denn diese Lockerung habe vor allem bei Unternehmen mit guter Bonität stattgefunden und nicht flächendeckend.

Bei der Vergabe von Krediten für Wohnimmobilien seien die Vergabestandards in den vergangenen drei Jahren ebenfalls „sukzessive weniger konservativ geworden“, erklärten die Bankenaufseher. „Der Grad der Lockerungen ist aber aktuell unkritisch, sollten die Vergabestandards nicht weiter gelockert werden.“ Bei der Finanzierung von Gewerbeimmobilien sei keine eindeutige Verschlechterung der Kreditvergabestandards festgestellt worden.

Mehr: Minuszinsen bedrohen Sparziele – „Auf Deutschland kommt eine Vorsorgekrise zu.“ Lesen Sie das Interview mit Christian Thimann, Ex-Berater von EZB-Präsident Mario Draghi.


Source: Handelsblatt Online – Wirtschaft – Politik, Unternehmen und Finanzen
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