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Kurdengebiet: Türkei startet Offensive in Nordsyrien

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Türkische Truppen an syrischer Grenze (Foto vom 4. Oktober)

Nach dem ankündigten Rückzug von US-Soldaten will die Türkei im Kurdengebiet eingreifen.



(Foto: dpa)

Ankara, Istanbul Die Türkei hat ihren Militäreinsatz im Nordosten Syriens begonnen. Das teilte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch mit. Ein Sprecher der Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien sagte, türkische Kampfflugzeuge hätten mit Angriffen auf die Region begonnen.

In der YPG sieht die Türkei eine Terrororganisation. Die Kurdenmiliz ist zugleich ein wichtiger Partner der USA im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und kontrolliert ein großes Gebiet im Norden Syriens. Die USA hatten den Abzug ihrer Truppen aus dem betroffenen Grenzgebiet befohlen – und Erdogan dadurch erst zum dem heutigen Schritt veranlasst.
Kurz nach Beginn des Einmarsches verteidigte US-Präsident die Entscheidung Truppen zu entsenden erneut. „IN DEN NAHEN OSTEN ZU GEHEN, IST DIE SCHLIMMSTE ENTSCHEIDUNG, DIE JEMALS IN DER GESCHICHTE UNSERES LANDES GETROFFEN WURDE!“, schrieb er auf Twitter. Er bringe die US-Soldaten „langsam & vorsichtig“ in die USA zurück. „Die blöden endlosen Kriege, für uns, hören auf!“

Ein Vertreter der türkischen Sicherheitskräfte sagte, man gehe mit Luftangriffen und Artillerie vor. Stellungen und Munitionslager der YPG würden mit Haubitzen beschossen. Das von der YPG angeführte Rebellenbündnis SDF forderte die USA auf, eine Flugverbotszone einzurichten, um die türkischen Angriffe im Nordosten Syriens zu stoppen.

YPG und SDF waren lange Zeit ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen die IS-Miliz in dem Bürgerkriegsland. Der Sender CNN Türk berichtete, die syrische Grenzstadt Ras al-Ain sei von schweren Explosionen erschüttert worden. Flugzeuglärm sei zu hören. Rauch steige auf.

Zuvor hatte Erdogan mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin telefoniert. Erdogan sagte in dem Gespräch am Mittwoch nach Angaben des Präsidialamts in Ankara, dass der geplante Einsatz im Osten des Flusses Euphrats zu Frieden und Stabilität in Syrien beitragen werde. Zudem werde er den Weg für den politischen Prozess freimachen.

Das Amt teilte weiter mit, Erdogan habe versichert, dass die Rechte und Interessen des syrischen Volkes Priorität für die Türkei hätten. Ankara schätze dazu die konstruktive Haltung Russlands. Aus Moskau gab es zunächst keine offizielle Bestätigung für das Gespräch.

Moskau unterstützt im syrischen Bürgerkrieg den Präsidenten Baschar al-Assad, Ankara dagegen die Rebellen.

Die Assad-Regierung hatte vor der türkischen Ankündigung erklärt, gegen die Offensive der Türkei vorzugehen. Bei den „rücksichtslosen Erklärungen und feindlichen Absichten des türkischen Regimes“ handele es sich um einen offenen Verstoß gegen die Souveränität des Landes, hieß es aus dem Außenministerium in Damaskus, wie die staatliche Agentur Sana am Mittwoch meldete. Syrien bekräftige seinen Willen, sich der „Aggression“ entgegenzustellen.

Das „feindselige Verhalten des Erdogan-Regimes“ zeige die Expansionsbestrebungen der Türkei, hieß es weiter. Zugleich beschuldigte Syriens Regierung die Kurden, sie trügen die Verantwortung für die Ereignisse, weil sie sich den US-Amerikanern ausgeliefert hätten.

Die Türkei fürchtet ein Erstarken der Kurden jenseits ihrer Südgrenze und damit auch der nach Autonomie strebenden Kurden auf ihrem eigenen Territorium. Sie will in dem Gebiet eine “Sicherheitszone” errichten und dort bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge ansiedeln.

Mehr: Erdogan riskiert mit dem Syrieneinsatz seinen letzten Rückhalt, kommentiert unser Türkei-Korrespondent Ozan Demircan.


Source: Handelsblatt Online – Wirtschaft – Politik, Unternehmen und Finanzen
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