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Spanien: Die brutalen Proteste in Katalonien schaden der regionalen Wirtschaft

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Demonstrationen

Die brutalen Proteste folgten auf das Urteil des Obersten Spanischen Gerichtshofs gegen neun katalanische Separatistenführer.



(Foto: dpa)

Madrid Bereits seit über einer Woche spielen sich in der katalanischen Hauptstadt Barcelona drastische Szenen ab: Brennende Müllcontainer; maskierte Randalierer, die Pflastersteine auf Polizisten schleudern und Ordnungshüter, die sich mit Gummigeschossen verteidigen.

Die unerwartet brutalen Proteste der zuvor friedlichen katalanischen Unabhängigkeitsbewegung folgten auf das Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs, der am Montag vergangener Woche lange Haftstrafen gegen neun katalanische Separatisten verhängt hatte. Diese hatten im Herbst 2017 ein illegales Unabhängigkeits-Referendum organisiert und anschließend die katalanische Republik ausgerufen, was Spanien in eine tiefe institutionelle Krise gestürzt hat.

Tausende Unternehmen haben damals ihren Hauptsitz von Katalonien in andere Regionen Spaniens verlagert. Madrid stellte die Region kurzfristig unter Zwangsverwaltung. Doch selbst die Turbulenzen damals haben das Wachstum nur leicht eingetrübt: Seit 2014 war Kataloniens Wirtschaft stärker gewachsen als die spanische insgesamt, doch 2018 blieb sie 0,1 Prozentpunkte hinter dem Durchschnitt zurück.

Experten erwarten deshalb auch von den aktuellen Tumulten keine gravierenden ökonomischen Auswirkungen. „Wenn die Proteste nicht noch Monate anhalten, rechnen wir mit minimalen Folgen für das Wirtschaftswachstum“, sagt Alvise Lennkh von der Ratingagentur Scope.

Auch die großen Firmen sehen die aktuellen Proteste gelassen. „Ich habe keinen einzigen Anruf eines Unternehmers bekommen, der sich nun um seinen Standort in Katalonien sorgt“, sagt Walther von Plettenberg, Chef der deutschen Handelskammer für Spanien.

Warnung vor langfristigen Folgen

2017 war das noch ganz anders. Doch ein Grund zur Entwarnung ist das noch nicht. „Langfristig kann die Unruhe in der Region schon dazu führen, dass Unternehmen ihre Investitions-Entscheidungen in Katalonien überdenken“, so von Plettenberg. „Aber das sieht man jetzt noch nicht.“

Das gilt auch für die Verlagerung der Unternehmenszentralen. Seit dem Referendum haben rund 5500 Firmen Katalonien ganz oder mit ihrer Zentrale verlassen, während knapp 1400 neu gekommen sind. Kurzfristig hat das für die Region kaum finanzielle Folgen: Die Körperschaftssteuer wird in Spanien ohnehin national erhoben und die meisten großen Firmen haben Mitarbeiter und Produktion in Katalonien belassen und nur Leitungsfunktionen zum neuen Hauptsitz verlagert.

Langfristig kann das schon dazu führen, dass sie neue und hochqualifizierte Jobs auch am Stammsitz ansiedeln. „Die wichtigste Folgen der Unruhen sind diejenigen, die man nicht sofort sieht“, ist Javier Díaz Giménez von der Business School IESE überzeugt. „Wir wissen ja nicht, wie viele Investoren ohne die Unabhängigkeitsbewegung nach Katalonien gekommen wären und jetzt woanders hingehen. Das ganze Ausmaß wird erst in 20 Jahren klar sein.“

Warnung vor Reisen in die Region

Eine Branche, für die das nicht gilt, ist der Tourismus. Dort sind die Folgen unmittelbar zu spüren. Demonstrationen am Flughafen Barcelona führten dazu, dass noch am Tag des Gerichtsurteils über 100 Flüge ausfielen. Separatisten besetzten Autobahnen und Zugstrecken, die französische und die britische Botschaft warnten ihre Staatsbürger bei Reisen in die katalanische Hauptstadt zur Vorsicht.

„Die Proteste sind zweifellos schädlich für den Ruf von Barcelona“, sagt der Vizechef des spanischen Reiseverbands Exceltur, José Luis Zoreda. „Die Reisebranche war im zweiten Jahr nach dem Referendum gerade dabei, sich zu erholen und genau jetzt gibt es neue Unruhen in Barcelona.“

Genaue Zahlen zu stornierten Hotels oder sinkenden Buchungen hat Zoreda aktuell noch nicht. In den fünf Monaten nach dem Referendum 2017 waren 150.000 ausländische Touristen weniger nach Barcelona gekommen. Gemessen an den zwölf Millionen, die im vergangen Jahr kamen, ist der Verlust allerdings nicht allzu deutlich.

Am vergangenen Freitag sollte ein Generalstreik die Region lahmlegen. Der Autohersteller Seat stoppte an dem Tag vorsorglich seine Produktion – aus Sorge, dass Mitarbeiter oder Zulieferteile nicht rechtzeitig kommen könnten. Insgesamt fielen die Streikfolgen aber weniger schlimm aus als befürchtet und der öffentliche Transport stellte ein Mindestangebot sicher.

Katalanische Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften riefen am Wochenende in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, die Politik müsse nach dem Gerichtsurteil wieder Raum für den Dialog und eine politische Lösung des komplexen Problems suchen. Bisher jedoch gibt es keine Fortschritte.

Der aktuelle katalanische Präsident Quim Torra hat zwar den geschäftsführenden spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez aufgefordert, zu verhandeln. Doch Sánchez ist erst zu einem Gespräch bereit, wenn Torra die Gewalt in Katalonien klar verurteilt – was dieser nicht tut.

Sánchez ist im Wahlkampf und das macht die Lage zusätzlich kompliziert. Die rechte Opposition fordert bereits, er solle die Region erneut unter Zwangsverwaltung stellen. Der Sozialist Sánchez will sich kompromissbereiter zeigen. Gleichzeitig will er im Umgang mit den katalanischen Aufständigen keine Schwäche zeigen, denn das könnte ihm im Rest des Landes bei der Neuwahl am 10. November Stimmen kosten.

Scope-Analyst Lennkh sieht in dem Szenario nach der Wahl die aktuell größte Gefahr für Spanien. „Wir fürchten politische Probleme, wenn die Stimmen der katalanischen Separatisten erneut für eine Regierungsmehrheit nötig sein sollten. Das könnte die Bildung einer Regierung erschweren“, sagt er. In den aktuellen Umfragen liegen Sánchez‘ Sozialisten unter ihrem Ergebnis vom April, während die konservative Partido Popular stark aufholt.

Mehr: Die Regierung von Katalonien muss entschieden gegen die gewaltsamen Ausschreitungen vorgehen, um die Lage schnell zu entschärfen.


Source: Handelsblatt Online – Wirtschaft – Politik, Unternehmen und Finanzen
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