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Der Meisterzwang entmündigt die Verbraucher

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In Deutschland soll für zwölf handwerkliche Berufe der Meisterzwang wieder eingeführt werden, hat das Bundeskabinett beschlossen. Das sei zum einen „ein starkes Signal für die Zukunft des Handwerks“ und zum anderen notwendig, um Qualitätsarbeit, Verbraucherschutz, Leistungsfähigkeit und Innovationskraft zu gewährleisten, begründete Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Schritt.

Schöner hätte es auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks nicht sagen können. Er drängt seit Jahren in diese Richtung. Doch es ist die falsche. Der Schritt führt hin zu mehr Bürokratie und Abgrenzung, er entmündigt Verbraucher und Anbieter, er wird zu einer weiteren Erhöhung der Baupreise und zu einer Verknappung des Angebots an Bauleistungen in Zeiten führen, in denen exakt das Gegenteil erforderlich wäre. Und er schadet am Ende auch den Handwerkern selbst.

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Vor 15 Jahren hat der Gesetzgeber 53 Berufe aus dem Meisterzwang entlassen. Übrig blieben die, in denen es um Sicherheit, gefahrgeneigte Tätigkeiten und den Schutz von Leib und Leben geht. Wer Autos wartet, Heizungen einbaut, in Sicherungskästen hantiert und mit Lebensmitteln umgeht, muss über die entsprechende Qualifikation verfügen. Wenn diese Sicherheit in Deutschland in Form der Meisterausbildung gewährleistet wird, so ist dagegen nichts zu sagen.

Jetzt aber sollen Drechsler, Estrichleger, Parketteinbauer, Raumausstatter und Orgelbauer zurück unter die Regeln des Zunftwesens. Böttcher übrigens ebenfalls, also Hersteller von Fässern mit und ohne Boden. Mehr Alltagserfahrung dürften die meisten Menschen mit Fliesenlegern haben, die ebenfalls betroffen sind. Hier habe es Qualitätsprobleme gegeben, wird von interessierter Seite gemunkelt.

Der „Zwang“ ist das Problem

Qualitätsprobleme, mit Verlaub, gibt es auch in Meisterbetrieben ab und zu. Wäre die Liberalisierung der Grund, müsste sich das eigentlich an einer steigenden Zahl von Prozessen wegen Baumängeln ablesen lassen. Das Gegenteil ist der Fall.

Selbst wenn es nicht so wäre, könnte man die Reaktivierung des Meisterzwangs so nicht begründen. Die Betonung liegt auf „Zwang“. Nichts spricht ja dagegen, den Meistertitel als Qualitätssiegel für handwerkliche Berufe jeder Art beizubehalten. Betriebsinhaber könnten damit werben. Tun sie es überzeugend, werden Verbraucher bereit sein, mehr zu zahlen.

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Aber sie haben bei einem freiwilligen Meister die Wahl, auch andere Kriterien zurate zu ziehen oder auch das Risiko einzugehen, einen Billiganbieter zu nehmen. Genauso funktionieren Märkte – ob es sich um Autos, Urlaub, Kleidung oder Versicherungen handelt. Jeder darf in den Feinkostladen gehen oder zum Discounter.

Der Zwang zum Meistertitel aber erschwert Neueinsteigern den Zugang in Bereichen, in denen es keine guten Gründe dafür gibt – außer dem, Wettbewerber draußen und die Preise hochzuhalten. Im Sinne der Kunden ist das nicht. Aber es liegt auch nicht im Interesse der Handwerker, zumal der älteren. Viele Betriebe werden in den nächsten Jahren einen neuen Chef suchen. Der Meisterzwang verknappt die Zahl der Kandidaten und dürfte die Preise für die Betriebe drücken. Nicht gerade ein starkes Signal für die Zukunft des Handwerks.

Source: Wirtschaft – WELT
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