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Technologie kann das Klima retten

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Die verwirrende Debatte über den Klimaschutz verliert sich derzeit im nervigen Streit über Details. Kaum hat die Bundesregierung ein Klimaschutzpaket verabschiedet, wiederholen sich die Oppositionsrituale gebetsmühlenartig in der Ablehnung des Pakets, statt anzuerkennen, dass ein erster großer Schritt getan ist, um Deutschlands langfristige CO2-Verpflichtungen zu erfüllen und damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz des Klimas zu leisten.

Stattdessen wird gleich die ganze Autoindustrie infrage gestellt, der SUV zum Klimakiller erkoren, das Fliegen verpönt und das Fleischessen angeprangert. Und schließlich gibt es ein Revival der Verzichtsbewegung: „Weniger konsumieren“ steht wieder ganz oben auf der politischen To-do-Liste.

Das hatte es schon einmal gegeben, als in den Siebzigerjahren der Club of Rome in seinem „Bericht zur Lage der Menschheit“ von „Grenzen des Wachstums“ sprach. In Wikipedia wird die zentrale Schlussfolgerung der vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) durchgeführten Studie so zitiert: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Eindämmung des Bevölkerungswachstums und Konsumverzicht

Den Klimawandel hatte das Team um den MIT-Professor Dennis Meadows noch nicht explizit gesehen und dennoch in seinem Standardszenario einen Kollaps in der Mitte des 21. Jahrhunderts vorausgesagt. Das ist ja genau der Zeitpunkt, der in allen Klimaschutzaktivitäten die zentrale Rolle spielt. In späteren Updates der Studie wurden die düsteren Szenarien einschließlich Klimawandel bestätigt.

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Die Autoren haben damals auch durchgerechnet, ob technische Lösungen wie vollständiges Recycling einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft verhindern könnten, und ihre Antwort war Nein. Nur durch eine Eindämmung des Bevölkerungswachstums und Konsumverzicht sei es möglich, den fatalen Trend zu stoppen.

Freilich hatten sie einen grundlegenden Fehler gemacht: Während sie für alle anderen Faktoren ein exponentielles Wachstum vorausgesetzt haben, wurde der technische Fortschritt nur linear fortgeschrieben. Das haben renommierte Ökonomen zu Recht kritisiert.

Heute wissen wir, dass auch der technische Fortschritt exponentiell wachsen kann. So sind Google, Amazon und Facebook innerhalb von wenigen Jahren zu Weltkonzernen aufgestiegen – durch ihre Technologien.

Technischen Fortschritt fürs Klima nutzen

Aber wie kann und soll man den technischen Fortschritt zum Schutz des Klimas befördern? Subventionen sind das falsche Rezept, denn der Staat kann nie wissen, welches die richtige Technologie ist, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das wird man eines Tages auch beim Elektroauto feststellen, wenn ganz andere Technologien entwickelt sind.

Wenn der Staat Innovationen fördern will, um bestimmte Ziele zu erreichen, muss er die Rahmenbedingungen für einen Markt schaffen. Das ist besonders gut möglich beim Klimakiller Nr. 1, dem CO2-Ausstoß. Die inzwischen erprobte Ausgabe von Emissionszertifikaten kann hier Umwälzendes bewirken. Je höher der Preis dieser Zertifikate, die jeder Emittent kaufen muss, desto mehr lohnen sich Aktivitäten zur Reduktion.

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) stand jüngst dazu ein sensationeller Bericht: Laut einer neuen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) ist das Potenzial für die Wiederverwertung (statt der Emission) von CO2 „gewaltig“. CO2 kann man in Betrieben wiederverwerten, die laut „FAZ“ „Gas, Ammoniak, Ethanol und andere petrochemische Erzeugnisse förderten oder verarbeiteten“.

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Privat und beruflich

Bislang war das zu teuer. Steigt jedoch der Preis für CO2 durch die Zertifikatsbepreisung, beginnt sich die Verarbeitung schon ab 25 Euro pro Tonne zu lohnen. Derzeit liegt der CO2 Preis im europäischen Emissionshandel schon bei 23 Euro.

Im gleichen Beitrag lese ich zum ersten Mal, dass die USA in ihrem 2018 verabschiedeten Haushaltsgesetz die größten Anreize zur CO2-Verarbeitung gesetzt haben. Für jede Tonne CO2, die kommerziell weiterverarbeitet wird, gibt es eine Steuergutschrift von 35 Dollar. Sogar 50 Dollar gibt es, wenn CO2 dauerhaft unter der Erde gespeichert wird.

Laut BCG zahlt der Staat dafür jährlich drei Milliarden Dollar, initiiert dadurch Investitionen von 40 Milliarden in den nächsten Jahren und könnte dadurch allein 70 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Das ist bezogen auf die Weltgesamtmenge noch nicht viel.

Aber wenn die wichtigsten Industrieländer den Zertifikatehandel mitmachen würden, ergäbe sich ein gewaltiges Potenzial: Die Internationale Energieagentur hat geschätzt, dass bis 2060 weltweit etwa 9,4 Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden müssten, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Laut BCG könnten aber durch die CO2-Bepreisung 16 Milliarden Tonnen jährlich eingespart werden.

Wenn das nicht mal eine gute Nachricht ist!

Der Autor war früher Chefredakteur von „Capital“ und ist heute Publizist und BILANZ-Kolumnist. Sie können ihm auf Twitter folgen: @brunomann.

Source: Wirtschaft – WELT
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