Posted on

Exklusives Ranking: Die 100 innovativsten Unternehmen der Welt – und was sie erfolgreich macht

Share


(Foto: Smetek)
  • Innovationen sind schon immer entscheidend für den Erfolg von Unternehmen gewesen. Aber im digitalen Zeitalter steigt ihre Bedeutung dramatisch. Derzeit entsteht an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Technologien, zwischen Software und Hardware die Zukunft.
  • Als bestes deutsches Unternehmen liegt Volkswagen auf Platz zehn, vier Plätze vor Apple. Von den fünf deutschen Konzernen, die es in die Top 100 geschafft haben, sind gleich vier aus dem Bereich Automotive.
  • Erfolgreiches Innovationsmanagement hat erstaunlich wenig zu tun mit kreativem Herumspinnen und plötzlichen Geistesblitzen. Dafür sehr viel mit klaren Zielen und Prozessen. Unternehmen müssen wissen, wo sie mit ihren Innovationen hinwollen.

Die letzte Innovation, die das Leben von Holger Ernst verändert hat, war kein elektronisches Hightech-Gadget und keine revolutionäre App. Es war die Nespresso-Kapsel. „Jederzeit auf Knopfdruck einen Espresso zu bekommen, der so gut ist wie in einer italienischen Bar – großartig“, schwärmt der Professor für Innovationsmanagement. „Seitdem trinke ich weniger Kaffee, dafür aber besseren.“

Für Ernst, der an der Privathochschule WHU in Vallendar lehrt und forscht, hat Nestlé mit seiner Erfindung die Grundregel jeder erfolgreichen Innovation beherzigt: ein echtes Kundenbedürfnis zu erkennen und dazu ein passendes Produkt zu bauen, mit dem sich Geld verdienen lässt. Dass Umweltschützern angesichts der metallenen Einwegkapseln die Crema vorm Mund steht, konnte den Erfolg von Nespresso bislang nicht aufhalten.

Innovation: Hinter diesem Wort verbirgt sich die große Blackbox der Weltwirtschaft. Langfristig, da sind sich die Ökonomen einig, können Wachstum und zusätzlicher Wohlstand nur durch neue Produkte und Herstellungsverfahren entstehen, die Kosten senken oder zusätzlichen Nutzen stiften – am besten beides. Wie genau aber Innovationen entstehen, darüber schweigen sich die gängigen volkswirtschaftlichen Theorien aus. Der „technische Fortschritt“ ist bei ihnen einfach ein gegebener Faktor, der irgendwie vom Himmel fällt.

Tatsächlich jedoch stecken hinter diesem Fortschritt Zehntausende von Unternehmen mit Hunderttausenden von Gründern, Managern und Wissenschaftlern, die unermüdlich rund um den Globus an Innovationen arbeiten. Unzählige Male scheitern sie. Doch gelegentlich gelingen Durchbrüche wie eine neue Kaffeemaschine oder eine bahnbrechende Krebstherapie.

Innovationen sind schon immer entscheidend für Unternehmen gewesen. Aber im digitalen Zeitalter steigt ihre Bedeutung dramatisch. Innovationen erfolgen in viel höherer Umsetzungsgeschwindigkeit und haben viel mehr Schlagkraft am Markt – sie sind „disruptiv“, rütteln ganze Branchen und Konzerne durch. Derzeit entsteht an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Technologien, zwischen Software und Hardware die Zukunft: selbstfahrende Autos, selbstlernende Computertomografen, intelligente Industrieroboter.

Grafik

Welchen Unternehmen gelingt es besonders gut, solche wirtschaftlich relevanten Innovationen hervorzubringen? Und was lässt sich von diesen Unternehmen lernen? Die Antworten auf diese Fragen stecken in der Datenbank des Unternehmens Patentsight, zu dessen Mitgründern Innovationsforscher Ernst einst zählte. Patentsight hat eine Methode entwickelt, um nicht nur die Zahl, sondern auch die Relevanz der Patente eines Unternehmens zu bewerten (für Details siehe den Methodenkasten).

Als zum Beispiel die EU-Wettbewerbskommission wissen wollte, ob beim Zusammenschluss von Bayer und Monsanto der Wettbewerb auf bestimmten Innovationsfeldern gefährdet sei, befragten die Brüsseler Beamten die Patentsight-Datenbank.

Auf der Basis der Patentsight-Daten hat das Schweizer Beratungsunternehmen Econsight für das Handelsblatt eine Rangliste jener Unternehmen erstellt, die auf dem derzeit wirtschaftlich wichtigsten Innovationsfeld führend sind: an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Technologien.

„Die ökonomisch bedeutendsten Durchbrüche sehen wir im Moment dort, wo Unternehmen besonders gut digitale Innovationen mit etablierten Technologien zusammenbringen“, sagt Kai Gramke, Geschäftsführer von Econsight. „Das umfasst zum Beispiel Anwendungsbereiche wie die digitale Medizintechnik, die vernetzte Mobilität oder die Industrie 4.0.“ Digitalisierung, ist Gramke überzeugt, sei kein Selbstzweck, sondern wirke nur in der Verbindung mit anderen Technologien.

Entsprechend umkämpft sind diese Innovationsfelder: Digitalunternehmen wie Google drängen in Zukunftsmärkte wie die vernetzte Mobilität oder die digitalisierte Diagnostik in der Medizintechnik. Auf der anderen Seite des Spielfelds versuchen sich Auto- oder Pharmakonzerne schnell genug zu digitalisieren, um selbst die Hoheit über die neuen Wachstumsmärkte zu erlangen.

100 Unternehmen hat Econsight auf Basis der Patentsight Daten identifiziert, die besonders erfolgreich Innovationen an der Schnittstelle von analog zu digital hervorbringen – und damit sehr gute Aussichten haben, um im innovationsgetriebenen Wettbewerb der kommenden Jahre ganz vorn mitzuspielen. Das Handelsblatt veröffentlicht die Ergebnisse exklusiv.

Korea schlägt Silicon Valley

An der Spitze des Rankings liegt Samsung. Die meisten Kunden kennen den koreanischen Konzern als Weltmarktführer für Smartphones und vielleicht noch für den ersten faltbaren Bildschirm der Welt. Doch tatsächlich, das zeigt die Auswertung der Patentsight-Datenbank, hat sich Samsung durch erfolgreiche Innovationsarbeit auch eine Schlüsselstellung bei Mobilitäts- und Gesundheitsthemen erarbeitet (siehe das Unternehmensporträt). Auf den Plätzen zwei und drei stehen der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson sowie LG, neben Samsung das zweite koreanische Tech-Konglomerat.

Erst auf Rang vier folgt mit der Google-Holding Alphabet der erste Konzern aus dem Silicon Valley, das gemeinhin als wichtigster Innovationshub der Welt gilt. Wenn es um reine Soft- und Hardware‧innovationen geht, mögen die Tech-Konzerne von der US-Westküste tatsächlich unschlagbar sein. Doch an der Schnittstelle zu analogen Anwendungen können andere durchaus mithalten.

Das gilt auch für Volkswagen. Als bestes deutsches Unternehmen liegt der Konzern auf Platz zehn, vier Plätze vor Apple. Ein überraschendes Ergebnis, schließlich schien es in den vergangenen Jahren eher so, als habe VW seinen Erfindungsgeist auf manipulierte Abgaswerte konzentriert.

Doch das objektive Patentsight-Ranking zeigt ein anderes Bild als das vom ewig gestrigen Diesel-Dinosaurier. In den mittlerweile drei Jahren seit der Aufdeckung des Dieselskandals hat sich Volkswagen eine führende Position bei den Patenten im Bereich autonomer Fahrzeuge sowie der Vernetzung von Mobilitätsteilnehmern erarbeitet. In diesen Feldern liegt VW nur knapp hinter Ford und deutlich vor GM und Toyota.

Von den fünf deutschen Konzernen, die es in die Top 100 geschafft haben – neben Volkswagen sind das Bosch (Platz 16), Siemens (20), BMW (25) und Continental (29) – , sind gleich vier aus dem Bereich Automotive. Man kann darin ein gewaltiges Klumpenrisiko sehen – oder wie WHU-Professor Ernst eine große Chance: „Die Autobranche steht weltweit unter enormem Druck. Die deutschen Konzerne haben die Herausforderung spät, aber nun endlich angenommen und unternehmen aktuell große Anstrengungen, um auch im Mobilitätsgeschäft der Zukunft eine wichtige Rolle zu spielen.“

Wie sehr klassische Autohersteller mit Tech-Konzernen und Start-ups um die Vorherrschaft ringen, zeigt sich in einer Sonderauswertung des Innovationsrankings für den Bereich des autonomen Fahrens. Direkt auf das Triumvirat aus Ford, Volkswagen und Toyota folgt auf Platz vier Alphabet. In zwei weiteren Sonderauswertungen für die Bereiche Medizintechnik und Robotik belegen Johnson & Johnson beziehungsweise der japanische Roboterspezialist Fanuc die Spitzenplätze.

Was lässt sich lernen von den Unternehmen, die es in die Top 100 der Innovationschampions geschafft haben? Warum gelingt es ihnen offenbar besser als anderen, systematisch neue Produkte und Verfahren in einem wirtschaftlich hochrelevanten Feld hervorzubringen?

„Man muss zunächst einmal mit dem Mythos aufräumen, dass Unternehmen einzelne besonders visionäre Köpfe brauchen, um innovationsstark zu sein“, sagt Florian Grassl. Als Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting ist der Ingenieur auf das Thema Innovationsmanagement spezialisiert. „Es ist schön, wenn man solche genialen Köpfe hat. Entscheidend für den Innovationserfolg ist aber nicht die Kreativität des Einzelnen, sondern die Organisation als Ganzes.“

Was Grassl bei führenden Innovatoren beobachtet, ist vor allem der professionelle Umgang mit Fehlschlägen: „Mit der pauschalen Aussage, dass man eine Kultur braucht, die Fehler erlaubt, ist es nicht getan.“ Fehler seien nur dann hilfreich, wenn man aus ihnen lerne, und das funktioniere lediglich, „wenn ihre Ursachen aufgeklärt werden und dieses Wissen der Organisation zugänglich gemacht wird“ – anstatt das menschlich Naheliegende zu tun und das Scheitern verschämt unter den Teppich zu kehren.

Weitere Schlüsselkriterien für erfolgreiches Innovationsmanagement aus Sicht des BCG-Experten: „Ein klarer strategischer Fokus, wo ich mit meinen Innovationen in fünf oder zehn Jahren sein will.“ Ist dieser Fokus einmal gesetzt, bräuchten Unternehmen den nüchternen Blick eines Wagniskapitalinvestors: Ein breites Portfolio an Innovationen wird früh am Markt getestet, gefolgt von schnellen Entscheidungen anhand transparenter Kriterien.


Source: Handelsblatt Online – Wirtschaft – Politik, Unternehmen und Finanzen
Author: