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So gefährlich ist die falsche Entsorgung von Elektroschrott

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Gerhard Jokic hat Angst um seine Mitarbeiter. „Erst kürzlich mussten wieder drei Kollegen ins Krankenhaus“, berichtet der Geschäftsführer von Remondis Elektrorecycling. Zuvor hatte es auf einem Werksgelände des Unternehmens im westfälischen Lünen gebrannt und das Trio dabei eine Rauchvergiftung erlitten.

Das war nicht der erste und einzige Vorfall. Auch an anderen Firmenstandorten gab es in den vergangenen Monaten erhebliche Feuerschäden. „Brände sind mittlerweile an der Tagesordnung“, berichtet Jokic aus dem Arbeitsalltag seiner Spezialfirma, die Elektroschrott sortiert und aufbereitet. Der Grund: falsch entsorgte Altgeräte.

Jokic schlägt daher Alarm. „Die Risiken sind langsam nicht mehr händelbar“, warnt der Manager. Für Leib und Leben, aber auch finanziell. Denn zur Sorge um die Belegschaft kommen alleine in seinem Unternehmen Sachschäden in Höhe von mittlerweile 20 bis 25 Millionen Euro, wie Jokic schätzt. „Wir finden deswegen keinen Versicherer mehr.“

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Doch das Altgeräte-Aufkommen wird im Zuge der Digitalisierung und des Ausbaus der Elektromobilität immer größer. „In den kommenden Monaten und Jahren kommen riesige Mengen Elektroschrott auf uns zu, die ordentlich erfasst und kanalisiert werden müssen“, sagt Jokic.

Aber genau daran hapert es in Deutschland. „Wir haben ein zunehmend massives Problem bei der Entsorgung und beim Recycling von alten Elektrogeräten“, bestätigt Peter Kurth, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE).

Eigentlich regelt das Elektro- und Elektronikgerätegesetz, kurz ElektroG, den Umgang mit alten Kaffeemaschinen und Mixern, Föns und Digitalwaagen oder Mobiltelefonen und Akkuschraubern. Wichtigster Punkt dabei: Ausrangierte Maschinen dürfen nicht über den Hausmüll entsorgt, sondern sollen getrennt gesammelt und dann recycelt werden. Dazu müssen die Verbraucher ihre Altgeräte wahlweise beim Wertstoffhof abgeben oder in den Fachhandel zurückbringen.

Mittlerweile häufen sich Wohnungsbrände

Die Realität indes sieht anders aus: Nur 45 Prozent des Elektroschrotts werden von den Verbrauchern ordnungsgemäß zurückgegeben, meldet die Stiftung Elektro-Altgeräte Register. Der Rest dagegen landet zum Beispiel in der Restmülltonne, im gelben Sack, in Gewerbecontainern oder auch im Sperrmüll.

Nur ist das gefährlich. Denn immer mehr dieser alten Geräte enthalten Lithium-Ionen-Akkus. Und wenn die beschädigt werden, etwa durch die Presse in einem Müllauto, durch Schredder und Sortiergreifer in der Recyclinganlage oder auch durch schlichtes Herunterfallen, kann ein Kurzschluss entstehen und in der Folge eine chemische Reaktion eintreten, bei der unkontrolliert hohe Energie freigesetzt wird.

Mittlerweile häufen sich deshalb sogar Wohnungsbrände. Mitte September zum Beispiel schlugen meterhohe Flammen aus einem Mehrfamilienhaus in München, weil der Akku eines privat genutzten E-Scooters explodierte. „Lithium-Batterien sind die größte Herausforderung der Branche in den letzten Jahrzehnten“, heißt es in der Industrie.

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Zumal die Menge der verbauten Akkus stetig steigt. Beim Umweltbundesamt ist bereits von einer Verdreifachung seit 2009 die Rede – von knapp 3300 Tonnen pro Jahr auf mittlerweile 10.000 Tonnen. Und schon eine simple singende Grußkarte im Müll reicht aus, um ein verheerendes Feuer zu verursachen. Den Fall habe es jedenfalls schon gegeben.

Der BDE fordert nun Hilfe von der Politik durch Anpassungen im ElektroG und im Batteriegesetz. „Wir brauchen eine einheitliche Kennzeichnung von Geräten mit hochenergetischen Akkus durch die Hersteller“, sagte Verbandspräsident Kurth bei einem parlamentarischen Abend zum Thema Batterienflut. „Damit der Verbraucher auch weiß, wo die gefährlichen Lithium-Ionen-Batterien überall verbaut sind.“

Noch dazu soll es eine Pfandpflicht in Höhe von 50 Euro geben, um die Sammelbereitschaft der Konsumenten zu erhöhen. Und der BDE will Handel und Hersteller verpflichten, beim Kauf von Elektrogeräten auf die richtige Entsorgung hinzuweisen. Denn der Großteil der Verbraucher in Deutschland wisse nicht oder nur lückenhaft, wie und wo man alte Elektrogeräte entsorgen kann.

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Beim Thema Informationspflicht verspricht das Bundesumweltministerium schnelle Abhilfe. „Wir müssen die Erfassung verbessern“, sagt Regina Dube, die Leiterin der Abteilung Wasserwirtschaft und Ressourcenschutz. „Da kann und muss die Industrie den Verbraucher besser aufklären.“ Das sei auch auf nationaler Ebene möglich. Eine Pfandpflicht dagegen müsse ebenso europäisch geregelt werden wie eine Kennzeichnungspflicht. „Wir werden das Problem mit den Lithium-Ionen-Akkus aber in Brüssel auf die Agenda bringen.“ Rückenwind erhofft sich Dube dabei von der anstehenden EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands.

In scheinbar vorauseilendem Gehorsam kündigt die Industrie hierzulande nun eine Aufklärungskampagne an. „Plan E“ nennt sich die Aktion, die Aufsteller, Flyer und Poster auf Wertstoffhöfen und im Fachhandel umfassen soll, dazu Werbung auf Plakatwänden und Infoscreens. Vor allem aber soll in den sozialen Medien geworben werden, unter anderem mit einer Umdichtung des Megahits „Drop it like it’s hot“ der Musiker Snoop Dogg und Pharrell Williams in „Drop it like E-Schrott“.

Jährlich eine Million Euro geben die Hersteller über vier bis sechs Jahre aus, sagt Christian Eckert, der Leiter der Umweltabteilung beim Elektrotechnik-Verband ZVEI. Koordiniert wird die Kampagne über die Stiftung Elektro-Altgeräte Register. Kritik kommt aus der Entsorgungswirtschaft. „Eine Million Euro – das ist so, als wollte man Wind mit einem Fischernetz einfangen“, sagt Remodis-Manager Jokic. „Recycling kostet Geld.“

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Source: Wirtschaft – WELT
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