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Öl- und Gasindustrie: Das Ende des Fracking-Booms – Pionier unter Gläubigerschutz

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Fracking in Pennsylvania

Der Pionier der Branche, Chesepeake Energy, flüchtet unter Gläubigerschutz


(Foto: AP)

New York Die Frackingindustrie steckt in ihrer bisher schwersten Krise Nun hat es auch den Pionier der umstrittenen Branche, Chesapeake Energy, erwischt. Das Unternehmen aus Oklahoma City hat am Sonntagabend Gläubigerschutz unter Chapter 11 des amerikanischen Insolvenzrechts angemeldet. Chesapeake sitzt auf knapp zwölf Milliarden Dollar Schulden.

Dabei ist Chesapeake nur das jüngste Beispiel für die Probleme einer Branche, die zwei Jahrzehnte lang nur eine Richtung kannte: Nach oben. Tausende von Unternehmen waren in das lukrative Geschäft des Frackings gedrängt, bei dem Gas oder Öl mit Hilfe von Druck und Chemikalien aus Gesteinsschichten herausgeholt wird.

Die Amerikaner konnten dank Fracking fast ihren gesamten Energie-Bedarf aus eigenen Quellen decken. Die Kritik von Umweltschützern an der Methode blieb ungehört. Das Geschäft boomte jahrelang unter Republikanern und Demokraten im Weißen Haus weiter.

Auch jetzt sind es nicht die Umweltschützer, sondern die niedrigen Energiepreise und die Corona-Epidemie, die das Geschäft zum Erliegen bringen. Schließlich ist Fracking teuer und es lohnt sich nur, wenn die Preise für Öl und Gas am Weltmarkt hoch sind. Da aber in Corona-Zeiten kaum jemand Auto fährt oder fliegt und viele Industrien auf Sparflamme produzieren, sind die ohnehin schon niedrigen Preise weiter nach unten gerauscht.

Der Erdgas-Preis ist auf einen neuen Tiefpunkt gefallen. Analysten rechnen damit, dass mehr als 200 Fracking-Unternehmen in den kommenden zwei Jahren Insolvenz anmelden könnten, wenn die Energie-Preise so niedrig bleiben. Mehr als 20 Öl- und Gasproduzenten haben in den USA bereits in diesem Jahr Gläubigerschutz beantragt.

Das liegt auch daran, dass viele der Unternehmen hoch verschuldet sind. Fast alle haben ihre Expansion teuer finanziert. Geldgeber waren angesichts der rosigen Aussichten auf hohe Margen leicht zu finden. Doch nun bricht das gesamte Konstrukt zusammen.

Das 1989 gegründete Unternehmen Chesapeake gilt als aggressiver Pionier der Branche. Ende 2008 besaß das Unternehmen laut eigenen Angaben Bohr-Rechte an rund 60.000 Quadratkilometern – eine Fläche, beinahe so groß wie die Niederlande und Belgien zusammen. Zwischenzeitlich galt Chesapeake als zweitgrößter Gas-Produzent der USA.

Industrie steht vor Neuausrichtung

Auch Chesapeake ließ sich seinen raschen Aufstieg vor allem fremdfinanzieren. Hinzu kam, dass das Unternehmen lange auf Schiefergas allein fixiert blieb und sein Geschäft erst spät auf das deutlich margenträchtigere Schieferöl umstellte. Auch jetzt liegt der Erdgaspreis auf einem neuen Tiefpunkt, während sich der Ölpreis von seinem jüngsten Rekordtief während der Coronakrise zumindest leicht erholen konnte.


Chesapeak CEO Doug Lawler will jetzt vor allem sieben Milliarden Dollar Schulden abbauen. „Wir stellen die Kapitalstruktur von Chesapeake fundamental um, ebenso wie das Geschäft, um die langjährige finanzielle Schwäche anzugehen und auf unsere substanzielle operative Stärken zu setzen“, teilte Lawler anlässlich des Insolvenzantrags mit.

Der ehemalige Chairman des Unternehmens Archie Dunham sagte gegenüber dem Wall Street Journal, er hoffe, dass die jüngsten Insolvenzanträge der Industrie eine Lehre seien. „Hoffentlich lehrt das, was der Industrie passiert die nächste Generation an Managern und Aktionären, dass Schulden etwas sind, das man so weit es geht vermeiden sollte“.  

„Das Preisumfeld ist sehr schmerzhaft für viele Unternehmen“, kommentiert auch der Energie-Analyst Jason Gammel von Jeffreys die Lage. „Wenn man keine starke Bilanz hat, dann ist die Lage sehr prekär“, meint er und rechnet nicht damit, dass die Energiepreise vor dem letzten Quartal dieses Jahres deutlich steigen werden. Unternehmen wie Chevron oder Conoco könnten allerdings von dieser Lage profitieren, weil sie in dieser Lage Unternehmensteile zu günstigen Preisen zukaufen könnten.

Vor allem beim Gas sieht die Lage dramatisch aus. Die Nachfrage ist so stark eingebrochen, dass es mittlerweile an Lagerkapazitäten fehlt – auch beim Flüssiggas. „Wir hätten auch ohne Covid-19 zu viel Flüssiggas in der Welt gehabt“, kommentiert Ben Chu von der Beratung Wood Mackenzie die Lage, „Covid-19 hat das noch verschlimmert“.

Bereits in den vergangenen Jahren, als die Energiepreise zwar gefallen, aber noch weit vom derzeitigen Niveau entfernt waren, verschärften sich bei vielen Unternehmen die Probleme. Laut einer Studie der auf Energie und Restrukturierungen spezialisierten Anwaltsfirma Hayes and Boone’s haben seit 2015 bereits mehr als 200 Öl- und Gasunternehmen in Nordamerika Insolvenz eingereicht, die gemeinsam mit mehr als 130 Milliarden Dollar verschuldet sind.

Allein im vergangenen Jahr beantragten laut der Studie insgesamt 50 Ölunternehmen Gläubigerschutz – darunter 33 Öl- und Gasproduzenten und 15 Dienstleister für Ölfelder. 

Auch die großen Namen wie Chevron und Schlumberger aus Texas kündigten in diesem Jahr milliardenschwere Abschreibungen an. Zudem fahren sie ihre Investitionen in die Fracking-Förderung zurück.

Zu den größten Insolvenzfällen der Branche gehört Whiting Petroleum, Extraction Oil & Gas, Ultra Petroleum und Sable Permian Resources.

Whiting Petroleum aus Denver, Colorado, hat am 1. April angesichts von 3,6 Milliarden Dollar Schulden Insolvenzschutz beantragt. Am Tag zuvor hatte das Management allerdings noch 14 Millionen Dollar Boni für seine Manager durchgewinkt.

Der ebenfalls in Colorado ansässige Spezialist  Extraction Oil & Gas hatte 1,5 Milliarden Schulden, als er Mitte Juni Gläubigerschutz beantragte. Ultra Petroleum hat mit 2,5 Milliarden Dollar Schulden Gläubigerschutz beantragt. Für Ultra war es bereits das zweite Mal. Das Unternehmen war bereits 2016 unter den Schutzschirm des Chapter 11 gegangen.

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