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Russischer Rohstoffkonzern: Nach Ölpest in der Arktis: Erneuter Umweltskandal bei Norilsk Nickel

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Demontage der Abwasserleitung

Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats wird ein Umweltskandal bei dem russischen Rohstoffkonzern bekannt.


(Foto: AP)

Moskau Mit hohem Druck entladen sich die zwei dicken Abwasserrohre am Abhang. Die Flüssigkeit, die herausspritzt, bildet ein kleines Flüsschen, das schäumend und stinkend seinen Weg ins Tal nimmt und schließlich in einen kleinen See mündet. „Wir haben vergilbte Lärchen entlang des Flüsschens gesehen, das sich schon ein eigenes Bett geschlagen hatte, wir haben einen toten See gesehen, in den sich das Flüsschen ergoss. Stangen, die aus dem Wasser ragten und einst Bäume waren“, beschreiben zwei Journalisten der kremlkritischen „Nowaja Gaseta“ die Szenerie.

Zusammen mit Greenpeace-Aktivisten und einem örtlichen Umweltschützer hatten sie den illegalen Abwasserablass in der Tundra entdeckt. Dort, im hohen Norden Russlands, kurz vor der arktisch kalten sibirischen Taimyr und weit jenseits des Polarkreises liegt die nördlichste Großstadt der Welt: Norilsk. Das Wasser stammt ursprünglich aus einem Absetzbecken der Aufbereitungsfabrik Talnach, einer Tochterfirma des Buntmetallproduzenten Norilsk Nickel.

In dieser Aufbereitungsfabrik werden die in den Bergwerken geförderten Kupfer- und Nickelbestände von Resten gereinigt. Dementsprechend giftig sind die Schwermetallrückstände in dem Absetzbecken.

Die Umweltschützer benachrichtigten die Behörden. Vor diesen tauchten aber Sicherheitsdienst und Mitarbeiter von Norilsk Nickel am Tatort auf. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, die Umweltschützer zu vertreiben, bauten sie eilig die Pumpstation und die Rohre ab. Im Eifer des Gefechts beschädigten sie dabei ein Fahrzeug der schließlich ebenfalls eingetroffenen Polizei.

Die Katastrophenschutzbehörde schätzt die Menge der abgeflossenen Abwässer auf 5000 bis 6000 Kubikmeter. Das entspricht mehr als zwei olympischen Schwimmbecken. Der Konzern gestand das Abpumpen bereits ein, sprach allerdings von einer erzwungenen Maßnahme, da durch starke Regenfälle ein Überlaufen des Beckens gedroht habe.

Rückendeckung bekam der Konzern von der Chefin der russischen Umweltaufsichtsbehörde, Swetlana Radionowa. Ihren Angaben nach wurde das Wasser abgelassen, „um eine Notfallsituation zu vermeiden“. Die Ermittlungsbehörden haben trotzdem die Untersuchungen aufgenommen.

Damit wächst der Druck auf Norilsk Nickel. Der Konzern war bereits Ende Mai in die Schlagzeilen geraten, als ein Brennstofflager einer anderen Tochtergesellschaft leckschlug. Der Tank war auf Stützen befestigt, die überraschend im Permafrostboden eingesunken waren. Rund 21.000 Tonnen Diesel flossen damals in den Boden und verseuchten Grundwasser und die nahe gelegenen Flüsse.

Eine der größten Ölkatastrophen in der Geschichte Russlands rief sogar Russlands Präsident Wladimir Putin auf den Plan. Der Kremlchef drohte mit strafrechtlichen Folgen für die Verantwortlichen, weil der Katastrophenschutz erst zwei Tage später aktiv wurde und sich Mitarbeiter des Konzerns und Beamte gegenseitig die Schuld für die späte Reaktion zuschoben.


Inhaber kam glimpflich davon

Wladimir Potanin, der Besitzer von Norilsk Nickel und laut „Forbes“ mit einem Vermögen von 19,7 Milliarden Dollar reichster Mann Russlands, kam hingegen einige Tage später mit einem leichten Tadel davon: Auf Potanins eifrige Versicherung, dass sein Konzern die geschätzten 130 Millionen Euro Kosten für Liquidierung der Umweltkatastrophe auf sich nehmen werde, belehrte ihn der Kremlchef nur, dass ein rechtzeitiges Auswechseln des Tanklagers deutlich billiger geworden wäre.

Die Arktis gilt als eine Herzensangelegenheit Putins. Russland erhebt Gebietsansprüche auf große Teile der Region, darunter auch den Nordpol, will die dortigen Rohstoffe ausbeuten und hat bereits Militär in der Arktis stationiert. Zugleich hat sich Putin aber auch öffentlichkeitswirksam mehrfach für den Schutz des hochsensiblen Ökosystems ausgesprochen.

Umweltschützer warnten damals vor möglicherweise jahrzehntelang andauernden Schäden. Auch der jetzige Abwasserskandal sei nicht zu liquidieren und werde noch jahrelange Folgen für die Arktis haben, warnte Greenpeace-Projektdirektor Wladimir Tschiprow.

Für Norilsk Nickel reißen die schlechten Nachrichten damit nicht ab. Gleichzeitig wurde bekannt, dass auch noch eine Müllhalde mit Industrieabfällen in dem vom Konzern kontrollierten Gebiet brennt. An der Börse verloren die Papiere am Montag mehr als drei Prozent. Seit Mitte Mai haben die Aktien rund 20 Prozent an Wert verloren.

Zwar ist das Unternehmen eigentlich gut für die Zukunft aufgestellt: Von der Umstellung auf Elektrofahrzeuge würde der Konzern mit seiner Palladium- und Platin-Produktion profitieren. Doch die Gefahr steigt, dass der Konzern nun erhebliche Strafen wegen seiner laxen Umweltpolitik zahlen muss.

Mehr: Erst vor wenigen Wochen war eine Tochterfirma von Norilsk Nickel wegen einer Leckage in einem Brennstofflager in die Kritik geraten.

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