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Interview: Lufthansa-Aufsichtsratschef Kley: „Notverkäufe wird es nicht geben“

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Karl-Ludwig Kley

„Wenn Sie in ein veganes Restaurant gehen, können Sie keine Steaks erwarten.“


(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Frankfurt Lufthansa will sich bei möglichen Verkäufen von Unternehmensteilen Zeit nehmen. „Notverkäufe sind nicht notwendig und wird es auch nicht geben, weil wir im Moment solide durchfinanziert sind“, sagte Karl-Ludwig Kley, Aufsichtsratschef von Lufthansa, im Interview mit dem Handelsblatt. Lufthansa bekommt vom Staat Finanzhilfen in Höhe von neun Milliarden Euro. Die Aktionäre hatten dem Rettungspaket in der vergangenen Woche zugestimmt.

Kley erklärte, dass an Verkäufen aber kein Weg vorbeiführe: „Wir werden schneller als vor der Krise angedacht Beteiligungen verkaufen müssen, um mit den Erlösen die Schulden zu reduzieren.“ Dabei schloss er ausdrücklich die Tochter Lufthansa Technik ein. „Das ist wirklich ein hervorragendes Unternehmen, das in Teilen sehr eng mit dem Kerngeschäft des Konzerns verknüpft ist“, sagte Kley.

„Die Situation zwingt uns nun, schneller als geplant darüber nachzudenken, in welcher Kombination sich Lufthansa Technik künftig am besten entwickeln könnte.“ Es werde für den Konzern eine neue Gesamtstrategie entwickelt. „Im Herbst werden wir im Aufsichtsrat darüber beraten“, sagte Kley.

Nach Angaben des 69-Jährigen, der selbst viele Jahre Finanzchef bei Lufthansa war, gab es zu dem Rettungspaket keine Alternative. Er äußerte aber Kritik an bestimmten Vorgaben der Politik, etwa dem Wunsch, mit der Rettung noch Geld verdienen zu wollen. Fehler, die den Staat bei der Bankenrettung vor zehn Jahren viel Geld gekostet hätten und immer noch kosten würden, „sollten nun auf Teufel komm raus vermieden werden“, so Kley: „Aber dass die problematischen Fälle der Finanzwelt in der Vergangenheit zum Maßstab gemacht wurden, hat unsere Verhandlungsposition sicher nicht gestärkt.“

Kley will sich zudem intensiver mit Investor Heinz Hermann Thiele austauschen: „Inzwischen haben wir verabredet, dass wir uns alsbald erneut persönlich treffen wollen.“ Thiele ist mit 15,52 Prozent bei Lufthansa eingestiegen und sieht das Rettungspaket kritisch. „Ich bin in diesem Zusammenhang im Übrigen sehr froh, dass Heinz Hermann Thiele als Großaktionär seine Stimme erhoben hat und vieles kritisch hinterfragt hat, ehe er dem Rettungspaket zugestimmt hat„, sagte Kley: „Ich hätte mir gewünscht, dass andere Aktionäre dies auch im Vorfeld getan hätten.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Kley, über Wochen wurde das staatliche Rettungspaket für die Lufthansa öffentlich und lautstark diskutiert. In anderen Ländern wie den USA oder Frankreich ging das alles viel geräuschloser über die Bühne. Warum gab es hierzulande dieses Geschrei?
Karl-Ludwig Kley: Eigentlich habe ich keine Lust mehr, in den Rückspiegel zu schauen. Ich möchte den Blick nach vorne richten.

Aber wir hätten doch noch einige Fragen die jüngere Vergangenheit betreffend, beispielsweise ob sich die CDU bei den Verhandlungen von der SPD hat über den Tisch ziehen lassen.
Okay, dann gehen wir ein letztes Mal vom Gas runter und gucken noch einmal kurz nach hinten. Corona hat ja zum völligen Zusammenbruch des gesamten gewohnten Verkehrssystems geführt. Man konnte von Köln nach München mit dem Auto in dreieinhalb Stunden statt der üblichen sechs fahren.

Wir haben jetzt ein Rettungspaket, das finanziell über die nächsten Monate hilft. Drängende Fragen zur Zukunft der Mobilität bleiben indes unbeantwortet.

Flugverkehr war gleich null. Die Bahn ist zwar weitergefahren, aber mit weitgehend leeren Sitzen. Wäre es nicht klug für alle Beteiligten gewesen, erst einmal auch innezuhalten und den hinlänglich bekannten und eigentlich banalen Satz „Jede Krise ist auch eine Chance“ aufzugreifen? Uns selbst die Frage zu stellen: Wie kann das Mobilitätskonzept der Zukunft aussehen?


Und?
Da gibt es keine Lösung vom Reißbrett. Aber vielleicht ein paar Fakten: Deutschland hat nach Luxemburg nach wie vor die größte Flughafendichte in Europa. Brauchen wir das? Die Flugsicherung ist immer noch nationalstaatlich und nicht europäisch organisiert. Ist das noch zeitgemäß? Und der Schienenverkehr ist derzeit nicht in der Lage, das Reisebedürfnis der Kunden umfassend zu befriedigen. Da sind sich die Experten in der Beurteilung weitgehend einig. Die Wertschöpfungsketten im Verkehr werden nicht vom Kunden her gedacht, sondern orientieren sich an Zuständigkeiten.

Was folgern Sie daraus?
Eigentlich hätten wir über neue Ansätze diskutieren und alle Rettungsmaßnahmen an einem Gesamtkonzept für den Verkehr ausrichten müssen. Stattdessen haben wir alle nur über Beteiligungsquoten, Laufzeiten, Zinssätze, Vergütungssysteme und Landerechte gesprochen. Und ich schließe da die Lufthansa ausdrücklich mit ein. Ganzheitlicher zu denken und zu handeln wäre besser gewesen.

Sie kritisieren, das ehrt Sie, auch die Lufthansa. Wie hat sich die Politik verhalten? Der zuständige Verkehrsminister namens Andreas Scheuer ist unserer Beobachtung nach in den vergangenen acht Wochen der Lufthansa-Rettung so gut wie überhaupt nicht in Erscheinung getreten.
Den Eindruck teile ich nicht, aber ich möchte nicht über einzelne Persönlichkeiten sprechen.

Auch nicht mit Blick auf dessen Kabinettskollegen Peter Altmaier?
Nein.

Was bedeutet diese Kurzsichtigkeit?
Das bedeutet, dass wir jetzt ein Rettungspaket haben, das der Lufthansa finanziell über die nächsten schweren Monate hilft. Drängende Fragen zur Zukunft der Mobilität bleiben indes unbeantwortet.

Sehen Sie ideologische Gründe für diesen, nennen wir es ruhig so, Stillstand?
Ideologie ist nicht das richtige Wort. In der Politik geht es immer um Wählerstimmen. Und bei einem so prominenten Fall wie dem der Lufthansa hat natürlich jeder Wähler eine Meinung. Und bei einer Summe von neun Milliarden Euro gilt das erst recht. Dass ein derart politisiertes und meinungsstarkes Umfeld die praktischen Gestaltungsmöglichkeiten der Handelnden einschränkt, liegt in der Natur der Sache.

CSU-Parteichef Markus Söder (l.) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU)

Haben sich die beiden CSU-Politiker bei der Lufthansa-Rettung von der SPD über den Tisch ziehen lassen?



(Foto: Reuters)

Wollen Sie damit sagen, dass Sie die Vorgehensweise der Politik verstehen können?
Ich will damit sagen, dass Sie, wenn Sie in ein veganes Restaurant gehen, keine Steaks erwarten können. Hinzu kam in unserem Fall, dass die handelnden Politiker unbedingt Lehren aus der Geschichte ziehen wollten.

Was meinen Sie damit?
Fehler, die bei der Bankenrettung vor zehn Jahren gemacht wurden und den Staat viel Geld gekostet haben und noch kosten, sollten nun auf Teufel komm raus vermieden werden. Im Gegenteil, der Staat sollte bei der Rettung ein gutes Geschäft machen können. Das ist gelungen. Ob bei diesem Ansatz aber wirklich Äpfel auch mit Äpfeln und nicht mit Birnen verglichen wurden, halte ich für eine zulässige Frage.

Äpfel mit Äpfeln?
Anders als die Finanzinstitute war die Lufthansa vor Corona ja ein durch und durch gesundes Unternehmen, gut geführt und gut kontrolliert, mit großer sozialer Verantwortung, ohne Skandale und Exzesse. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Baustellen im Konzern gegeben hätte. Aber dass die problematischen Fälle der Finanzwelt in der Vergangenheit zum Maßstab gemacht wurden, hat unsere Verhandlungsposition sicher nicht gestärkt.

War es im Nachhinein ein Fehler, sich sehr früh auf eine staatliche Rettungslösung zu fokussieren?
Ganz eindeutig nein. Wir haben zunächst mit viel Unterstützung versucht, private Hilfe zu organisieren. Es ist uns nicht gelungen. Es gab nur die Möglichkeit, mithilfe des Staates eine Lösung zu finden. Über die Struktur des Pakets im Einzelnen wurde dann ja lange verhandelt.


Es ging um neun Milliarden Euro, das ist etwa das Doppelte des Börsenwerts des Konzerns. War die Lufthansa vor der Krise vielleicht gar nicht so stark, wie sie sich womöglich selbst schöngeredet hat?
Auch hier ein klares Nein. Weder in Europa noch sonst irgendwo in der Welt gab es viele gesündere Fluggesellschaften dieser Größe. Natürlich ist niemand perfekt. Wir hatten uns weitere strategische Anpassungen vorgenommen, die wir jetzt hinterfragen und zu einer neuen Gesamtstrategie weiterentwickeln müssen. Im Herbst werden wir im Aufsichtsrat darüber beraten.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU)

Ungenutzte Chance für ein ganzheitliches Mobilitätskonzept.


(Foto: AFP)

Schon vor der Coronakrise war von der Konzentration auf das Kerngeschäft des Fliegens die Rede. Was heißt das für Sparten wie Catering, die Lufthansa Technik oder das sehr einträgliche Kreditkartengeschäft?
Wenn Sie die Belastungen aus dem Rettungspaket sehen, zusammen mit den sehr hohen Pensionsrückstellungen und den sonstigen Verbindlichkeiten, kommen wir auf eine wirklich stattliche Verschuldung. Mit hohen Zinsen: Bei der stillen Beteiligung steigen sie binnen weniger Jahre auf über neun Prozent. Unsere erste Priorität ist daher eine schnelle Entschuldung.

Dabei müssen wir zuerst den KfW-Kredit über drei Milliarden Euro tilgen und können uns erst dann den Belastungen aus der stillen Beteiligung des Bundes, die im eigentlichen Wortsinne ja weder still noch eine Beteiligung ist, zuwenden – und das alles bei einer in den nächsten Monaten und Jahren sehr herausfordernden Geschäftsentwicklung. Jegliche Gedanken an eine Expansion können Sie da gleich in der Pfeife rauchen.

Der absehbare Cashflow wird demzufolge bei Weitem nicht ausreichen?
So ist es. Wir werden schneller als vor der Krise angedacht Beteiligungen verkaufen müssen, um mit den Erlösen die Schulden zu reduzieren.

Wenn der Markt weiß, dass Sie gewissermaßen gezwungen sind, Teile zu verkaufen, könnten die Preise ins Rutschen geraten.
Da hilft uns jetzt das Rettungspaket. Notverkäufe sind nicht notwendig und wird es auch nicht geben, weil wir im Moment solide finanziert sind.

Vor allem die Lufthansa Technik, also das Wartungsgeschäft, gilt ja als Perle …
Wir haben nur Perlen …

Auch Brussels Airlines?
Perlen wachsen eben unterschiedlich schnell, bevor sie ihre volle Schönheit erreicht haben. Aber zurück zu Lufthansa Technik: Das ist wirklich ein hervorragendes Unternehmen, das in Teilen sehr eng mit dem Kerngeschäft des Konzerns verknüpft ist. Die Situation zwingt uns nun, schneller als geplant darüber nachzudenken, in welcher Kombination sich Lufthansa Technik künftig am besten entwickeln könnte.

Jegliche Gedanken an eine Expansion können Sie gleich in der Pfeife rauchen.

Das Cateringgeschäft der LSG haben wir bereits vor Corona zum Verkauf gestellt. Allerdings war das ein sehr komplexer Prozess, da wir an unseren Drehkreuzen auch künftig hochwertiges Catering brauchen. Küchen in Panama oder Lagos, die keine Bedeutung für unser Kerngeschäft haben, sind da leichter zu verkaufen.

Was steht im Kerngeschäft mit dem Fliegen zur Disposition? Die Swiss?
Da verlässt mich meine Fantasie. Ich liebe die Swiss.

Sind Sie eigentlich inzwischen froh, dass es mit dem Kauf von Alitalia im vergangenen Jahr nicht geklappt hat?
Das kann man so nicht sagen. Eine wie auch immer geartete Vereinbarung würde für alle Beteiligten immer noch strategisch sinnvoll sein. Aber wie gesagt: Die Zeit zur Expansion ist nun erst einmal vorbei.


Was glauben Sie, wie sich Ihre Arbeit als Aufsichtsratsvorsitzender verändert, wenn die beiden vom Bund entsandten neuen Mitglieder im Gremium dabei sein werden?
Da ich mich immer zu 100 Prozent allen Aktionären verpflichtet fühle, sehe ich das entspannt. Dass Großaktionäre ein wichtiges Wort mitzureden haben, ist klar. Das war auch schon bisher so. Ich werde natürlich mit den beiden neuen Großaktionären ebenfalls den Dialog suchen. Ich bin in diesem Zusammenhang im Übrigen sehr froh, dass Heinz Hermann Thiele als Großaktionär seine Stimme erhoben hat und vieles kritisch hinterfragt hat, ehe er dem Rettungspaket zugestimmt hat. Ich hätte mir gewünscht, dass andere Aktionäre dies auch im Vorfeld getan hätten.

Standen Sie direkt in Kontakt zu Herrn Thiele?
Carsten Spohr und ich haben ihm einen Brief geschrieben und ihn als neuen Aktionär begrüßt. Inzwischen haben wir verabredet, dass wir uns alsbald auch erneut persönlich treffen wollen.

Es wurde kolportiert, dass er womöglich ein Interesse daran haben könnte, die gesamte Lufthansa zu übernehmen?
Sie strapazieren erneut meine Fantasie. In meiner aktiven Zeit als Finanzvorstand haben wir zusammen mit United die Air Canada vor einer Übernahme gerettet. Damals habe ich gelernt, was für ein komplexes Vorhaben die Übernahme einer systemrelevanten Fluggesellschaft ist. Da reden viele mit. Aber wie gesagt: Herr Thiele und ich werden bald persönlich sprechen.

Wie geht es nun weiter bei der Besetzung des Aufsichtsrats?
Die Vereinbarung mit dem Bund sieht vor, dass ich nach geeigneten Kandidaten und Kandidatinnen für die beiden Plätze suche und diese dann dem Bund vorstelle.

Der Ihre Kandidaten dann aber auch ablehnen kann?
Sicher, dann suche ich weiter.

Eine Möglichkeit wäre vielleicht, bei Unternehmen mit Staatsbeteiligungen nach geeigneten Kandidaten zu schauen, etwa bei der Telekom. Haben Sie schon Persönlichkeiten im Blick?
Ich habe eine Liste, die ich aber sicher jetzt und hier nicht mit Ihnen teilen werde.

Virtuelle Hauptversammlung der Lufthansa mit AR-Chef Kley

In der vergangenen Woche stand beim Aktionärstreffen das viel kritisierte staatliche Rettungspaket zur Abstimmung.



(Foto: dpa)

Das heute 20 Personen umfassende Gremium soll ja nicht aufgestockt werden. Wer verlässt den Aufsichtsrat? Die derzeitigen Mitglieder sind bis 2022 und darüber hinaus gewählt.
Das müssen wir sehen. Jedenfalls kann das nur freiwillig geschehen. Es gibt keine Möglichkeit, einen bestellten Aufsichtsrat vor Ablauf seines Mandats zu verabschieden, es sei denn, er würde in der Hauptversammlung abgewählt. Mir ist es an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir für die professionelle Besetzung des Aufsichtsrats viel Lob bekommen haben. Ich werde auch künftig keine Abstriche bei der Qualität akzeptieren.

Ja, aber wenn das Parkhaus doch voll ist und keiner rausfährt, dann kann auch niemand rein …
Ein interessanter Vergleich …

… aber noch keine Lösung für Ihr Problem, wie überhaupt auch immer noch ein neuer Finanzvorstand gesucht wird?
Der neue Finanzvorstand soll in jedem Fall von außen kommen. Ich habe einige sehr gute Kandidaten gesehen. Die Beschränkungen bei der Vergütung infolge des staatlichen Rettungspakets machen die Personalie sicher nicht einfacher. Exzellente Finanzexperten sind extrem gefragt und gesucht und entsprechend teuer. Gleichsam bin ich auch hier nicht bereit, bei der fachlichen Qualität Abstriche zu machen.

Wie wollen Sie das zusammenbekommen?
Wir bieten eine wahrlich historische und hochspannende Aufgabe, ein Unternehmen mit dieser Stahlkraft neu aufzustellen und zu positionieren. Ich bin jedenfalls sehr zuversichtlich, in absehbarer Zeit einen erstklassigen Kandidaten zu präsentieren.

Was glauben Sie, wie groß wird die Versuchung in Berlin sein, politisch nun auch Einfluss auf Personalentscheidungen und die Strategie, also zum Beispiel den Verkauf von Assets an Finanzinvestoren, zu nehmen?
Natürlich wird es bei Verkäufen von Unternehmensteilen zu Diskussionen kommen; das ist ab einer gewissen Größe vertraglich so vorgesehen. Aber alle involvierten Minister und Staatssekretäre haben mehrfach deutlich gemacht, dass die Politik keinen Einfluss auf das Geschäft, also auch auf Personalentscheidungen und die Strategie nehmen wird. Auf dieses Versprechen baue ich.

Herr Kley, vielen Dank für das Interview.

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