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Der jahrelange Konjunkturaufschwung ist aufgezehrt – und anfällig

Eine unter Ökonomen verbreitete Regel besagt, dass Konjunkturaufschwünge nicht an Altersschwäche sterben, sondern von Zentralbanken umgebracht werden. Vor der Ermordung durch die Zentralbanken dürfte der gegenwärtige Aufschwung sicher sein. Sie haben ihn als schwächliches Kind zur Welt gebracht und hätscheln ihn bis heute. Aber dass sie ihm ein ewiges Leben sichern können, ist sehr unwahrscheinlich.

In den USA reicht die Geschichtsschreibung für die Konjunktur bis ins Jahr 1854 zurück. Im drei Jahrhunderte umspannenden Durchschnitt dauerten die Aufschwünge 67 Monate. Der gegenwärtige Aufschwung, der im Juni 2009 begann, hält nun schon 129 Monate an und ist damit der älteste der Geschichtsschreibung. Gleichzeitig ist er aber auch der schwächste. Mit einem jahresdurchschnittlichen Wachstum des US-Bruttoinlandsproduktes von 2,3 Prozent liegt er um rund zwei Prozentpunkte unter dem historischen Durchschnitt.

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Weil die Inflation unter den Zielwerten der Zentralbanken wie festgenagelt erscheint, scheint es keinen Grund für Zinserhöhungen mehr zu geben. Man könnte meinen, dass dieser Aufschwung ewig dauern wird. Doch könnte ihm sein Alter schließlich doch noch zum Verhängnis werden. Dafür sprechen drei Verwerfungen, die mit der Zeit tödlich wirken dürften.

Was passiert, wenn die Zentralplaner den Zins unter null drücken

Erstens haben die Zentralbanken in ihrer Sorge um den Aufschwung den Zins bis unter die Nulllinie gedrückt. Der Zins ist jedoch der wichtigste Preis in einer Wirtschaft, der die Bereitschaft einer Gesellschaft, auf Konsum in der Gegenwart zu verzichten, mit der Fähigkeit der Wirtschaft in Einklang bringt, durch Kapitalbildung den Konsum in der Zukunft zu erhöhen. Vertraut eine Gesellschaft in die Zukunft und verzichtet auf Konsum in der Gegenwart, um mit den frei werdenden Mitteln mehr Kapital zu bilden, sinkt der Zins.

Aber er kann ebenso wenig von sich aus null oder negativ werden, wie die Zukunft vor der Gegenwart oder mit ihr gleichzeitig stattfinden kann. Wird er dennoch durch Zentralplaner dorthin gedrückt, geht die Möglichkeit verloren, Investitionen entsprechend ihrer zeitlichen Dringlichkeit und Ertragskraft zu ordnen. Die Finanzrechnung wird unmöglich, und Projekte werden aus spekulativen oder politischen Gründen unternommen. Verschuldung scheint unbegrenzt möglich, und Finanzinvestitionen in Form von Aktienrückkäufen und Unternehmensübernahmen versprechen einen schnelleren Gewinn mit weniger Risiko als Realinvestitionen.

Zweitens verliert der Zins seine Fähigkeit, einträgliche Unternehmen von eigentlich nicht lebensfähigen zu trennen. Wer ausstehende Schuld zu Nullzinsen scheinbar grenzenlos refinanzieren kann, unterliegt nicht mehr der Auslese im Markt durch Bankrott. „Untote“ Unternehmen tummeln sich dort weiter.

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„Schrott-Anleihen“

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat in einer Studie im Jahr 2018 den Anteil dieser „Zombie“-Unternehmen an der Gesamtzahl der Unternehmen in 14 Industrieländern auf durchschnittlich rund zwölf Prozent geschätzt. Diese Unternehmen beschäftigen weiterhin Mitarbeiter, nehmen Kredite auf und verkaufen ihre Produkte am Markt. Aber sie tätigen kaum noch neue, produktive Investitionen und verhindern den Markteintritt neuer und dynamischerer Firmen.

Drittens ist mit der Länge des Konjunkturaufschwungs die Wertschätzung von kapitalistischer Produktionsweise und Freihandel abgeschmolzen. Wie der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe treffend analysiert, hat der Kapitalismus den „Wohlstand für alle“ überhaupt erst möglich gemacht. In unserer Zeit genießt der größte Teil der Gesellschaft einen Lebensstandard, wie ihn früher nicht einmal Fürsten und Könige kannten. Doch durchläuft die kapitalistische Produktionsweise einen der Konjunktur entgegengesetzten Zyklus. Boomt die Wirtschaft, geht das Wissen über die Gründe des Wohlergehens verloren.

Laut einer internationalen Umfrage der US-Kommunikationsagentur Edelmann unter 34.000 Personen in 28 Ländern meinen 56 Prozent der Befragten, dass der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form mehr „Schaden als Gutes“ in der Welt anrichtet. Dabei dürfte nur den wenigsten Befragten bewusst gewesen sein, dass der Kapitalismus, über den sie klagen, durch die von den Zentralbanken ausgelöste Finanzialisierung korrumpiert wurde.

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Bundesverdienstkreuz

Dank des von den Zentralbanken ausgespannten finanziellen Sicherungsnetzes können die Finanzteilnehmer Gewinnchancen wahrnehmen, ohne die damit verbundenen Risiken tragen zu müssen. Die Trennung von unternehmerischer Freiheit und Haftung ist jedoch die Folge von Staatseingriffen und dem Kapitalismus wesensfremd.

Der Verlust an Orientierung durch den Zins, der von den Zombie-Unternehmen verbreitete Mehltau und die Verdrängung der kapitalistischen Produktionsweise durch staatliche Planwirtschaft haben diesen Aufschwung ausgezehrt. Alt und kränklich ist er nun anfällig für Störungen, wie sie gegenwärtig von der durch das Coronavirus verursachten Krankheit Covid-19 ausgehen. Früher oder später dürfte es auch den Zentralbanken nicht mehr gelingen, das Leben dieses Aufschwungs durch immer neue Liquiditätsspritzen zu verlängern.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor und Leiter des Flossbach von Storch Research Institute

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor und Leiter des Flossbach von Storch Research Institute
Quelle: MARC COMES@CHBP

Source: Wirtschaft – WELT
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