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Minuszinsen machen Tresore zum lukrativen Geschäft

Beim Zuhörer entstehen im Kopf Szenen eines James-Bond-Films, wenn Markus Hartmann durch seinen Ausstellungsraum führt und seine Tresore erklärt. „Legen Sie einmal den Finger auf dieses Metallstückchen“, fordert er auf. Die kleine Metallplatte ist das Schloss dieses Geldschranks und die Fläche fühlt sich warm an. Wie sich herausstellt, sind es exakt 37 Grad.

Derartige biometrische Schlösser werden bei Tresoren immer öfter angeboten. Schließlich ist der Fingerabdruck unter Millionen Menschen einzigartig.

Doch mögliche Einbruchsszenarien oder Raubüberfälle auf den Tresorbesitzer führen zu ganz anderen Sicherheitsvorkehrungen. In diesem Fall sorgt die eingebaute Heizung in dem Schloss dafür, dass der Geldschrank nicht etwa mit einem abgetrennten Finger geöffnet werden kann.

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Doch der Blick in die Trickkiste der Entwickler reicht noch tiefer: Bei einem Raubüberfall und dem Zwang zum Öffnen könnte der Tresorbesitzer einen zweiten, vorher definierten Fingerabdruck nutzen. Der Geldschrank öffnet sich dann auch, doch bei dieser Variante wird ein Alarm bei der Polizei ausgelöst.

Dies alles muss natürlich vorher eingerichtet und organisiert sein. Gleiches gilt übrigens auch für Zahlenschlösser. Wird statt der vorgesehenen siebenstelligen Zahlenkombination eine bestimmte achte Ziffer hinzugetippt, blinkt in der Polizeiwache der Notruf auf.

Das alles ist jedoch bald Vergangenheit: Als nächstes will Hartmann das Handy mit dem Tresor verbinden, das Smartphone soll zum Schlüssel werden.

Vier Milliarden Euro Umsatz mit Sicherheitstechnik

Sicherheit ist ein Milliardengeschäft geworden. Im vergangenen Jahr haben deutsche Anbieter von Sicherheitstechnik mehr als vier Milliarden Euro Umsatz erreicht. Tresore sind ein Teil davon.

Laut dem sogenannten Viktimisierungsbericht der Polizeibehörden ist die Angst der Deutschen vor Einbrüchen in den zurückliegenden fünf Jahren um sechs Prozentpunkte gestiegen. Dagegen kann Technik helfen. Sind Geldschränke zertifiziert, lässt sich der Inhalt sogar über Versicherungen schützen.

Doch längst nicht nur Banken oder Juweliere nutzen Panzerschränke in allen denkbaren Größen und Varianten. Vielmehr lösen die Geldhäuser gerade einen Nachfrageschub bei Privatkunden nach heimischen Tresoren aus. Ein Grund dafür sind die Minuszinsen, die mittlerweile selbst kleine Sparkassen oder Volksbanken oft ab niedrigen sechsstelligen Sparsummen verlangen.

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Luxusgüter

Manch ein Sparer gibt nun lieber mehrere hundert oder gar tausend Euro dafür aus, sich für sein Zuhause einen möglichst sicheren Verwahrplatz anzuschaffen. „Bei uns steigt die Nachfrage im zweistelligen Prozentbereich.Das hängt auch mit der Situation für die Bankkunden zusammen“, sagt Manager Hartmann. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass die Banken weniger Geldfächer in den Filialen anbieten – weil sie viele Außenstellen dicht machen.

Die Industrie dahinter wird in Deutschland vom Mittelstand geprägt. Nach eigenen Angaben ist das Familienunternehmen Hartmann aus Paderborn größter Verkäufer von zertifizierten Geldschränken. Namen wie Burg-Wächter oder Eisenbach sind weitere Anbieter. Für die Firmengruppe nennt Unternehmenschef Markus Hartmann einen Umsatz von etwa 38 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Spezielle Einzelanfertigungen im eigenen Handwerksbetrieb

Rund 160 Mitarbeiter sind an sieben Standorten im Inland sowie an weiteren sechs im Ausland beschäftigt. Zu den Stückzahlen nennt Hartmann keine Zahlen und begründet dies mit dem Wettbewerb.

Der Absatz dürfte aber bei mehreren zehntausend Geldschränken liegen. Besonders stark steigt nach den Angaben der Verkauf über den Onlineshop. Im Lager nebenan jedenfalls ist Stellplatz für bis zu 20.000 kleine und große Tresore.

Entwickelt werden die Tresore am Stammsitz in Westfalen. Spezielle Einzelanfertigungen baut Hartmann im eigenen Handwerksbetrieb in Oberhausen. Die allermeisten Geldschränke werden jedoch von einem Technikunternehmen in Polen sowie einem Zulieferer in Slowenien gefertigt.

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Edelmetall statt Staatsanleihen

Zur Absicherung und Exklusivität der Technik hat das Familienunternehmen, das auf eine Schmiede aus dem Jahr 1834 zurückgeht, entsprechende Verträge samt umfangreichen Zertifizierungen mit den osteuropäischen Lieferanten abgeschlossen.

Im Entwicklungsbüro in Paderborn denken sich Ingenieure und Handwerker Vorkehrungen im Tresor aus, die es den Panzerknackern schwerer machen sollen. Letzter Schrei ist eine Glasplatte, die hinter der Tresortür angebracht ist.

Versucht der Räuber mit einem Bohrer durch die Tür zu kommen, wird die Scheibe gesprengt und löst damit ein Dutzend weiterer Verriegelungen aus. Holz als Material ist ebenfalls ein Trend, denn beim Aufbohren des Materials kann eine übel riechende Qualmwolke entstehen.

Tresore in sechs Sicherheitsstufen

Eingeteilt sind Tresore in sechs Sicherheitsstufen, deren Einteilung wiederum der Verband der Schadenversicherer in Köln übernimmt, anpasst und kontrolliert. Sie sind am Zertifikat ablesbar. Entscheidend für den Widerstandsgrad ist, wie lange Panzerknacker für das Aufbrechen brauchen und welches Werkzeug sie dafür benötigen.

Das fängt bei Hammer und Meißel an, geht über Flex- und Schleifgeräte bis hin zu großen Sauerstoff- und Gasflaschen. Attacken mit sogenannten Feuerlanzen bei 1300 Grad Celsius liegen dann am oberen Ende dieser Kriterien. Mit solchen Gasangriffen sprengen Kriminelle immer öfter Geldautomaten der Banken.

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Geldanlage

Dennoch gibt es beim Kauf einiges zu beachten. Die Stiftung Warentest hat bei Tests bereits vor zu günstigen Tresoren gewarnt. Wandbefestigungen waren in vielen Fällen zu schwach gebaut, der Geldschrank ließ sich zu leicht abtransportieren. Oder aber die Türen waren auch mit einfachen Mitteln aufzubrechen. Zudem empfehlen die Tester, auf die sogenannte Feuerwiderstandsklasse als Teil des Zertifikats zu achten.

Firmenchef Hartmann macht sich trotz aller Arbeit an der Sicherheit keine Illusionen. „Alles, was man zusammenbauen kann, kann man auch wieder auseinandernehmen“, sagt der Manager. Er selbst sitzt in Gremien, die die Normen aufstellen.

Etwa bei den Türen sind heute vier Lagen der Standard: ein Stahlmantel außen, gefolgt von mit Flüssigkeiten versetztem Beton sowie Armierungen aus Stahlgitter und dann erneut eine Stahlplatte als Abschluss.

Derartige Tresore wiegen rasch mehrere hundert Kilogramm. Bis zu einem Gewicht von einer Tonne verlangen die Versicherungen Verankerungen der Geldschränke im Boden oder in den Wänden mit speziellen Metallverschraubungen.

Uhrenbeweger im Tresor

Doch längst nicht alles in dem Ausstellungsraum dreht sich um derart martialische Themen. Denn mancher Kunde lässt sich seinen Tresor als Schmuckkasten für das Wohnzimmer herrichten. Dazu gehören dann tiefschwarzer Klavierlack, Lederverkleidung des Innenraums oder LED-Leuchten für die Schubladen.

Extras gibt es für spezielle Uhren. „Wir bauen auch einen Uhrenbeweger ein. Er bewegt die Chronographen regelmäßig, damit das Uhrwerk keinen Schaden nimmt“, erklärt Hartmann.

Dabei liegt das Hauptinteresse des 53-jährigen Firmenchefs gar nicht einmal im Handwerk der Geldschränke, sondern in der Digitalisierung. Nach seinem Wirtschaftsstudium und ersten Jobs etwa beim Staubsaugerhersteller Vorwerk und einem Hersteller von Chip-Karten hat Hartmann mit Partnern eine Softwarefirma gegründet.

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Drei Minuten bis zur Explosion

Diese Firma, die mittlerweile zum Familienunternehmen gehört, entwickelt Sicherheitstechnik wie spezielle Computerchips für Reisepässe. Gerade erarbeitet diese Tochterfirma für den Oman einen eigenen Pass. Hartmanns Kenntnisse – und auch Begeisterung – für den Finger-Scan oder die Iris-Erkennung aus der Biometrie stammen aus dieser Berufsphase.

Die Digitalisierung betrifft aber auch das Kerngeschäft. Um anders als mancher Wettbewerber tatsächlich überleben zu können, will Hartmann den Onlinehandel ausbauen und sich auf diesen Vertriebsweg einstellen. Die Unterschiede sind weitreichend.

„Die Preise im Onlineverkauf sind niedriger als im klassischen Einzelhandel“, nennt Hartmann ein Kriterium. So steigen in dem Unternehmen derzeit die Absatzzahlen der Tresore stärker als der Umsatz. Eine Folge sind sinkende Gewinnmargen.

Hohe Nachfrage im Internet

Die Nachfrage im Internet von Privatkäufern ist groß und wächst weitaus stärker als im stationären Handel. Die niedrigeren Verkaufspreise hängen auch mit anderen und günstigeren Bauteilen und einem geringeren Service zusammen. Der Preisabstand beträgt bis zu 20 Prozent.

Hinzugekommen ist zuletzt ein ganz anderes Geschäft: Krankenhäuser, Pharmahändler oder Apotheken benötigen eine Vielzahl zusätzlicher Tresore, seit Cannabis für medizinische Anwendungen freigegeben ist. Für manche Klinik kommen ganz spezielle Tresorschränke hinzu: Endoskope, die zum Beispiel bei Magenspiegelungen eingesetzt werden, sind seit Kurzem zum Diebesgut geworden.

Die Behörden sprechen dabei von organisierter Kriminalität und von international agierenden Banden. Auftraggeber und Käufer sollen in Krisenländern in Afrika oder dem Nahen Osten sitzen.

Source: Wirtschaft – WELT
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