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VW kann die Taschenspielertricks nicht lassen

Es hätte das Ende eines schon fast fünf Jahre dauernden Ärgernisses für deutsche Verbraucher sein können: VW stand kurz vor der Einigung mit den Verbraucherzentralen im Streit um Entschädigungen für die betrogenen Diesel-Kunden des Konzerns. Doch Volkswagen kann noch immer die Taschenspielertricks nicht lassen, brach die Verhandlungen kurz vor der Ziellinie ab und verpasst damit eine Chance endlich einen Teil des ramponierten Images wieder zu reparieren.

Schuld sollen nun die angeblich bösen Anwälte sein, die einfach zu hohe Gebühren verlangt hätten. 50 Millionen Euro hätten die Advokaten der Verbraucherzentralen für die Abwicklung der rund 460.000 Entschädigungszahlungen verlangt. Keine Frage: Das ist sehr viel Geld. Und doch wäre es ein Schnäppchen für den Wolfsburger Konzern gewesen im Vergleich zu den bisherigen Kosten des Abgasbetrugs.

Mehr als 30 Milliarden Euro hat das Wolfsburger Unternehmen bereits gezahlt – unter anderem rund 220 Millionen Euro für die Anwälte der betrogenen amerikanischen Kunden. Die bekamen übrigens auch deutlich höhere Entschädigungen, als die in Deutschland vorgesehenen Zahlungen von im Schnitt 2000 Euro.

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Produktion des ID3 am 21.01.2020 bei Volkswagen Sachsen in Zwickau . Foto: Oliver Killig

ID.3 aus Zwickau

Nun will VW möglichst viele deutsche Kläger überzeugen, den eigentlich mit den Verbraucherzentralen ausgehandelten Deal trotzdem anzunehmen, aus der Musterklage auszusteigen und die Anwälte zu umgehen. Das klingt zunächst nach einer vernünftigen und vor allem populären Lösung.

Doch ohne den Druck der Verbraucherschützer und ihrer Anwälte, die von der Politik das neue Mittel der Musterfeststellungsklage an die Hand bekommen hatten, wäre der Großteil der deutschen VW-Kunden ganz leer ausgegangen. Nur wer mit viel Geld und Geduld selbst vor Gericht gezogen wäre, hätte sich überhaupt Hoffnungen auf Schadenersatz machen können.

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Dass VW den Vergleich nun an den Anwaltshonoraren scheitern lässt, liegt vor allem daran, dass man das Instrument der Musterfeststellungsklage für die Zukunft so unattraktiv wie möglich machen will. Anwälte sollen keinen Anreiz haben, in ähnlichen Fällen um und für Mandanten zu kämpfen, weil sie immer befürchten müssen, dass sie am Ende leer ausgehen. So sollen die Verbraucher wieder entmachtet werden.

Die Wolfsburger demonstrieren, dass der Konzern auch fünf Jahre nach Bekanntwerden von Dieselgate keinen echten Kulturwandel geschafft hat. Statt die eigene Schuld anzuerkennen und entstandenen Schaden nicht nur in den USA, sondern endlich auch in Deutschland unkompliziert und kulant zu beheben, wird weiter getrickst und jeder juristische Winkelzug ausgeschöpft. So kann man vielleicht ein paar Millionen sparen, der Imageschaden aber bleibt enorm.

Source: Wirtschaft – WELT
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