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„Ohne Messen stürzt die deutsche Wirtschaft noch weiter ab“

Die Corona-Krise erschüttert die deutsche Wirtschaft in ungekannter Weise. Eine der am stärksten betroffenen Branchen ist dabei das Messewesen. Seit Anfang März liegt das Geschäft brach. Und bis mindestens Ende August wird sich daran auch nichts ändern. So lange jedenfalls gilt nach aktuellem Stand das Verbot der Bundesregierung für Großveranstaltungen. Schon 469 Messen und Ausstellungen mussten laut dem Branchendienst Expodatabase hierzulande verschoben oder komplett abgesagt werden, darunter auch die weltgrößte Industrieschau Hannover Messe. Welche Folgen das für Veranstalter Deutsche Messe AG hat, erklärt Vorstandschef Jochen Köckler im Telefon-Interview mit WELT. Darüber hinaus spricht der Manager über Pläne für den Neustart und Messen im Internet.

WELT: Wann finden in Deutschland wieder Messen statt?

Jochen Köckler: Nicht vor September, das ist schon mal klar. Bis dahin sind Großveranstaltungen verboten. Und leider macht die Politik keine Unterscheidung zwischen Volksfesten, Festivals, Fußballspielen und einer Messe. Im Herbst geht es dann hoffentlich wieder los. Die Wirtschaft braucht für den Neustart dringend Messen. Das bekommen wir von etlichen Unternehmen gespiegelt. Die haben monate- und teils jahrelang Produkte entwickelt und wollen und müssen ihre Innovationen nun auch an den Kunden bringen.

12.02.2020, Niedersachsen, Hannover: Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Messe AG, spricht während der Pressekonferenz zur Hannover Messe zum Thema digitaler Wandel in der Industrie. Foto: Ole Spata/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Quelle: pa/dpa/Ole Spata

WELT: Wo liegt denn der Unterschied? Zur letzten Hannover-Messe kamen 215.000 Besucher. Das sind weit mehr als bei einem Fußballspiel.

Köckler: Die kommen aber nicht alle gleichzeitig. Eine Messe ist kein Gemeinschaftserlebnis mit Schunkeln und Umarmen, sondern ein Business-Event, auf dem Geschäfte gemacht werden. Und die müssen jetzt auch wieder gemacht werden, damit die Wirtschaft in Deutschland nicht noch weiter abstürzt. Außerdem haben alle Messegesellschaften große Gelände mit mehreren Eingängen und vielen und geräumigen Hallen, auf die Aussteller und Besucher weitläufig verteilt werden können. Diese Infrastruktur unterscheidet sich deutlich von einem Stadion, einer Konzerthalle oder einem Rummelplatz.

WELT: Großmessen füllen jede einzelne dieser vielen Hallen.

Köckler: Zu denen wir die Zutritte regulieren können. Ähnlich wie es heute schon in den Baumärkten gemacht wird. Es bleibt abzuwarten, wie Großmessen in den nächsten Monaten aussehen werden. Sowohl die Zahl der internationalen Aussteller als auch der Besucher wird sich erst mal reduzieren, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, ab dem ein Impfstoff gegen das Coronavirus flächendeckend verfügbar ist. Jetzt geht es darum, überhaupt wieder Messen als Netzwerk-Knotenpunkte der Wirtschaft anbieten und ausrichten zu können. 2020 wird eine Art Übergangsjahr.

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WELT: Wie wollen Sie die Sicherheit von Ausstellern und Besuchern gewährleisten?

Köckler: Da gibt es genug Möglichkeiten: Wir können zum Beispiel den Abstand zwischen den Ständen vergrößern, ebenso die Gangbreite. Gleichzeitig können wir an den Eingängen genau regeln, wann wie viele Besucher auf dem Gelände sind. Durch die Registrierung wissen wir zudem, wer da ist – was ja wichtig sein kann für die Rückverfolgung von Kontakten. Ansonsten werden auf dem Gelände strenge Hygieneregeln gelten: auf Abstand achten, kein Händeschütteln, Mundschutz, häufiges Waschen und Desinfizieren der Hände. Und schließlich werden große Bühnen mit Vorträgen vor Publikum ebenso gestrichen wie die beliebten Standpartys. In nächster Zeit müssen Messen allein auf ihre Kernfunktion reduziert werden, nämlich Angebot und Nachfrage zusammenzubringen.

WELT: Im Veranstaltungsprogramm der Deutschen Messe AG stehen für den Herbst große Weltleitmessen wie die IAA Nutzfahrzeuge, die Euroblech und die Eurotier. Was passiert mit dem Unternehmen, wenn die nicht stattfinden können?

Köckler: Ich hoffe darauf, dass Messen dann wieder möglich sind. Daher stehen alle drei Fachmessen weiterhin in unserem Programm. Aber natürlich diskutieren wir mit den jeweiligen Ausrichtern – alle drei Branchenschauen sind nämlich Gastveranstaltungen – über jedes mögliche Szenario: durchziehen, verschieben, ins Internet verlagern oder absagen. Sollten diese Messen tatsächlich nicht stattfinden können, trifft das den Standort Hannover ins Mark: die Hotels, die Restaurants, die Taxis und natürlich auch uns als Messegesellschaft.

WELT: Durch die Absage der Hannover-Messe ist Ihnen der wichtigste Umsatz- und Gewinnbringer für dieses Jahr ohnehin schon verloren gegangen.

Köckler: Wir haben seit März keinerlei Umsatz, das ist kein Geheimnis. Trotzdem können wir bislang allen Verpflichtungen nachkommen. Denn 2019 war ein gutes Jahr für die Deutsche Messe AG. Wir hatten dadurch eine ordentliche Liquidität und standen sehr solide da. Natürlich ist diese Reserve endlich, zumal der Mittelabfluss hoch ist. Denn Standgebühren werden im Voraus bezahlt. Wir mussten daher sämtlichen Ausstellern ihr bereits gezahltes Geld zurücküberweisen. Und das sind alleine bei der Hannover-Messe rund 5000 Fälle. Dazu kommen die Fixkosten für das Gelände und die Infrastruktur. Spätestens im Sommer brauchen wir daher Fremdkapital, auch wenn wir ein öffentlich-rechtliches Unternehmen sind in Besitz von Stadt und Land. Gespräche mit Banken laufen bereits. Es geht dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Unter dem Strich kann der Verlust 2020 bei uns im Unternehmen bis zu 100 Millionen Euro betragen.

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WELT: Wie sicher sind dabei die Arbeitsplätze?

Köckler: Wir senken die Kosten, wo es nur geht. Strukturanpassungen sind aber erst mal nicht geplant. Wir haben nahezu alle 800 Beschäftigten in Deutschland in Kurzarbeit geschickt. Die Gehälter werden dabei aufgestockt, am stärksten in den niedrigen Gehaltsklassen. Der Vorstand wiederum nimmt sich bei den Sparmaßnahmen nicht aus und verzichtet auf zehn Prozent seines Nettogehalts.

WELT: Welche Konsequenzen können sich aus der aktuellen Situation für Messen ergeben? Also wie viel Geschäft wandert in den kommenden Monaten und Jahren ins Internet ab?

Köckler: Das ist eine sehr entscheidende Frage für die Branche. Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung in vielen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Und klar ist: Wenn es praktikable und nützliche Formate gibt, werden die von Unternehmen auch genutzt. Mindestens mal als Ergänzung. Da dürfen sich die Messeveranstalter nichts vormachen. Wir steigen daher auch selbst ein beim Thema Digital-Events. Die kommenden Wochen und Monate werden dann zeigen, wie wertvoll das Medium Messe ist.

WELT: Was für Digital-Events planen Sie?

Köckler: Nachdem die Hannover-Messe ausfallen musste, werden wir im Juli eine Web-Konferenz veranstalten zu den wichtigsten Zukunftsthemen der Industrie. Dazu bringen wir führende Köpfe aus verschiedenen Industriebereichen für Diskussionsrunden im Netz zusammen, zudem können Firmen Innovationen und Entwicklungen präsentieren, und wir verleihen den Industriepreis Hermes Award. Mit diesem Event wollen wir die Marke Hannover Messe bedienen und ein Gefühl dafür bekommen, wie groß das Interesse an einem solchen Format ist. Die Vor- und Nachbereitung unserer Veranstaltungen im Internet müssen wir ohnehin ständig optimieren. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, Neues einfach mal auszuprobieren. In Zukunft kann das dann vielleicht zu einer Ergänzung der klassischen Messe werden. Als Ersatz sehe ich es dagegen nicht. Es haben zwar schon viele vorhergesagt, dass Messen vom Internet verdrängt werden. Aber das genaue Gegenteil war in den vergangenen Jahren der Fall. Der persönliche Kontakt ist und bleibt das Wichtigste. Es passiert etwas mit den Menschen, wenn sie sich treffen.

WELT: Die Verluste der Messeveranstalter bis zu einem möglichen Wiederbeginn sind hoch, in Ihrem Fall vielleicht 100 Millionen Euro. Und bei der Konkurrenz sieht es nicht viel besser aus. Werden Messegesellschaften auf der Strecke bleiben und pleite gehen?

Köckler: Es wird Messen geben, die verschwinden. Das haben vorherige Krisen schon gezeigt. Kein Thema braucht drei oder vier Veranstaltungen mit internationaler Bedeutung. Und es wird auch Messeveranstalter geben, die pleite gehen. Derzeit ist die Branche sehr vielfältig: Es gibt öffentlich-rechtliche Gesellschaften mit eigenem Gelände wie wir eine sind, es gibt kleine Privatveranstalter und große börsennotierte Unternehmen wie Reed Exhibitions jeweils ohne eigenes Gelände, und es gibt Verbände, deren Messen zu ihren jeweiligen Branchen gehören, wie zum Beispiel den Automobilverband VDA mit der IAA und der IAA Nutzfahrzeuge oder die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft mit der Landtechnikmesse Agritechnica. In den kommenden Monaten könnte dieses Gefüge durcheinandergewirbelt werden. Ich jedenfalls rechne fest mit Umwälzungen und Übernahmen. Eine sehr solide Position haben dabei sicherlich die Messeveranstalter mit öffentlich-rechtlichen Anteilseignern, wenn sie unternehmerisch, kundenorientiert und zeitgemäß agieren.

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