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Für Wein-Start-ups ist die Corona-Krise ein Glücksfall

Einen besseren Zeitpunkt für den Launch seines Start-ups hätte sich Thomas Winther kaum aussuchen können. Am 2. März, wenige Tage vor Beginn der Corona-Krise, ging der Däne mit Winejump online. Über den Online-Marktplatz können Kunden ihren Wein direkt bei Winzern aus dem europäischen In- und Ausland ordern. Pro verkaufter Flasche erhält Winejump einen Euro.

Dass das Coronavirus nur wenige Wochen nach dem Start halb Europa lahmlegte, kann Winther rückblickend wohl als glücklichen Zufall verbuchen. Gastronomien sind vorerst geschlossen, Weinproben in größeren Gruppen untersagt – viele Winzer und deren Kunden sind plötzlich auf Online-Alternativen wie Winejump angewiesen.

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Das macht sich für das Start-up bezahlt: „Die Zahl der Weingüter, die ihren Wein auf unserer Plattform verkaufen, ist seit dem Start von 150 auf 330 gestiegen“, rechnet Winther im Gespräch mit „Gründerszene“ vor: „Ein Zuwachs von 15 Prozent – jede Woche.“

Der Gründer ist froh, dass sich aktuell viele Winzer bei ihm melden, um auf seiner Plattform gelistet zu werden. Eigentlich hatte er Geld eingeplant, um diese anzuwerben. Zahlen zu seinen bisherigen Umsätzen nennt Winther nicht. Nur so viel: „Wir erfüllen die selbst gesteckten Ziele.“

Onlinekäufe von Wein noch eine Randerscheinung

Die Zahlen spiegeln den gegenwärtigen Trend im Weinhandel wider. Denn in der Corona-Krise wird weniger außer Haus getrunken und dafür mehr für zu Hause gekauft – auch online.

„Wir profitieren davon, dass die Menschen nicht unterwegs sind und in Restaurants oder Bars ein schönes Glas Wein genießen können“, sagt Christian Fricke, Geschäftsführer des Onlineshops Wine in Black.

Seit im März ein bundesweites Kontaktverbot verhängt wurde, verzeichnet das Berliner Start-up deutlich mehr Umsatz als zu dieser Jahreszeit üblich. „Natürlich haben wir vor Ostern immer einen Anstieg der Bestellungen und auch etwas größere Warenkörbe, wir würden aber circa 30 bis 40 Prozent allein den Effekten der Corona-Krise zuschreiben“, so Fricke.

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Auch beim Online-Marktplatz Vivino zeigt man sich auf Anfrage erstaunt von der Bestellflut: Am 22. März, dem Tag, an dem Bundeskanzlerin Merkel das Kontaktverbot ankündigte, sei der Händlerumsatz im Jahresvergleich um 287 Prozent gestiegen.

Vergorener Traubensaft zeigt sich als krisenfestes Konsumgut, neben Klopapier und Mehl. Und künftig auch als Dauerbrenner unter Onlinebestellern? Bisher sprechen Marktdaten klar dagegen. Zwar wurden 2018 mit Weinen in Deutschland rund sieben Milliarden Euro umgesetzt.

Laut aktueller „Deutscher Wein“-Statistik wird Wein allerdings zu 78 Prozent im klassischen Lebensmittelhandel eingekauft, davon zur Hälfte bei Discountern. Der Onlinehandel dagegen kam 2018 auf einen Marktanteil von gerade einmal vier Prozent. Wie kann das sein?

Lieferung von Wein ist problematisch

Die Gründe sind naheliegend: Schon die Bestellung weniger Weine auf einmal erhöht das Versandgewicht deutlich, zudem müssen die Flaschen bruchsicher verpackt werden. Die Kosten geben viele Händler trotz guter Margen an ihre Kunden weiter.

Diese wiederum haben wenig Lust, dass das schwere Paket bei ihrer Abwesenheit möglicherweise bei der Postfiliale oder einem Paketshop landet und dort abgeholt werden muss. Und: Typische Käufer gerade für höherwertige Weine sind meist über 50 Jahre alt und nicht so stark mit Onlineshops vertraut.

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Corona-Folgen

Ausgerechnet die Corona-Pandemie könnte das nun ändern. „Viele Menschen bestellen erstmals online und merken, wie bequem und einfach das ist“, argumentiert Johan Brenner vom schwedischen Risikokapitalgeber Creandum, der unter anderem in das Wein-Start-up Vivino investiert ist.

Verbraucher würden die große Auswahl an online verfügbaren Produkten und die besseren Preise zu schätzen wissen. „Ein weiterer Vorteil sind die maßgeschneiderten Vorschläge, die Wein-Firmen ihren Kunden auf der Grundlage ihres Geschmacks und vorhergegangenen Kaufaktivitäten geben“, so Brenner.

Wein-Start-ups mit Lieferengpässen

Ob die vielen Neukunden der Wein-Start-ups mehr als nur einmal bestellen, muss sich allerdings noch zeigen. Die coronabedingten Belastungen der Zulieferer sind hoch. Medienberichten zufolge produzieren Hersteller von Kartonverpackungen für den Weinversand bereits „am Limit“. Die starke Belastung der Paketdienste führe außerdem zu längeren Lieferzeiten.

Das bestätigt auch Heini Zachariassen, Gründer des Onlineshops Vivino: „Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass wir in einigen Fällen nicht so schnell auf Kundenanfragen reagieren konnten wie üblich“, sagt Zachariassen zu „Gründerszene“. Auch bei Wine in Black und Winejump komme es vereinzelt zu Lieferengpässen.

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Kolonne Null

Dennoch sehen sich die Unternehmen gut aufgestellt: „Selbst in den am stärksten betroffenen Gebieten Norditaliens mit hoher Abriegelung wegen Corona mussten wir nicht eine einzige Bestellung stornieren“, sagt Winejump-Gründer Thomas Winther.

„Die Chance, ein Unicorn zu werden“

Für Christian Fricke von Wine in Black hat die momentane Bestellflut letztlich auch mit Glück zu tun. „Wir haben einfach Schwein gehabt, dass uns die Krise bislang nicht so direkt betroffen hat wie Unternehmen aus anderen Branchen“, sagt Fricke.

Auch bei Winejump will man trotz guter Geschäfte nicht von einem Traumstart sprechen. „Wir hätten uns gewünscht, in den ersten Wochen sehr viel mehr mit Winzern und Weinliebhabern in ganz Europa in Kontakt zu treten, zum Beispiel auf Messen, um Feedback einzuholen“, sagt Winther.

Speziell beim Thema Wein sei der persönliche Kontakt mit Herstellern sehr wichtig. „All diese Veranstaltungen wurden abgesagt, überall, sodass wir unsere Interaktionen mit den Kunden auf soziale Medien verlagern mussten.“

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Hilfe für den Handel

Trotzdem glaubt der Däne, dass am Onlinekauf von Wein künftig kein Weg vorbeiführt. „So wie die Corona-Krise das Kaufverhalten vieler Menschen ändert, wäre ich nicht überrascht, wenn sich der Online-Weinmarkt in Deutschland in den nächsten fünf Jahren verdoppeln würde“, sagt Winther.

Den ambitionierten Zielen seiner frisch gestarteten Firma würde das jedenfalls helfen. Der Gründer sagt selbstbewusst: „Winejump hat die große Chance, ein Unicorn-Start-up zu werden.“

Dieser Text stammt aus einer Kooperation mit dem Magazin “Gründerszene”. Klicken Sie auf die Links, verlassen Sie welt.de und landen in den Artikeln bei gruenderszene.de.

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Freifahrten für Pfleger – wie sich Mobility-Firmen nützlich machen

Corona ist schlecht fürs Geschäft, besonders für die Reise- und Mobilitätsbranche. Trotzdem haben viele Start-ups unter besonderen Auflagen und mit starken Einschränkungen nicht aufgegeben.

Sie bieten Freifahrten für Menschen in systemrelevanten Jobs, organisieren Lieferungen und Transporte oder helfen dabei, zu günstigeren Konditionen die Infrastruktur am Laufen zu halten.

Wingly: medizinisches Personal per Privatjet vermitteln

Bei dem deutsch-französischen Flugsharing-Start-up Wingly stehen durch den Lockdown die Rotoren still. Private Rundflüge kann das Unternehmen seither nicht mehr vermitteln. Als sich Anfang April dann die Hilfsorganisation „Aviation Sans Frontiere“ und das französische Gesundheitsministerium bei Wingly meldeten, ging alles recht schnell, erzählt Gründer Lars Klein gegenüber „Gründerszene“.

„Innerhalb von einer Woche haben wir eine Plattform programmiert und helfen nun, Flüge für medizinisches Personal und Gerätschaften in Frankreich zu organisieren“, so Klein.

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Urlaube gestrichen

Die Idee dahinter: Mediziner, Krankenhäuser und Piloten schnellstmöglich über eine Plattform zusammenbringen. Mittlerweile nutze der Verein gemeinsam mit dem französischen Gesundheitsministerium die von Wingly aufgesetzte Plattform und habe bereits 27 Flüge mit medizinischem Gerät und 71 Mediziner vermittelt, so der Gründer. (Stand: 16.04.2020)

Freifahrten für systemrelevante Jobs

Das Berliner Sammel-Taxi Clevershuttle hat einen kostenlosen Service für Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen wie Ärzte, Pflegepersonal und Apotheker sowie Polizei und Feuerwehr ins Leben gerufen.

Einen ähnlichen Service haben auch die Berliner Verkehrsbetriebe mit dem Berlkönig gestartet. In München bietet das E-Roller-Start-up Dott medizinischem Personal ebenfalls kostenlos seinen Service an.

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Radikaler Kurswechsel

Das US-Unternehmen Uber hat in Berlin zusätzlich 60 elektrische Jump-Leihräder für das Personal an der Charité und des Virchow-Klinikums zur Verfügung gestellt. Unterstützung bekommt die Charité darüber hinaus von der Volkswagen-Tochter Weshare, die Personal Freifahrten bereitstellt.

Außerdem organisiert das Unternehmen in Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Vereinen Warenlieferungen. Sharenow bietet seine Fahrzeuge zum Selbstkostenpreis für 30 Tage an.

Blablacar: Einkaufsfahrten für Risikogruppen

Jemanden mal eben über Blablacar mitzunehmen ist derzeit bei den geltenden Auflagen nicht möglich. Das französische Start-up hat darum eine weitere App entwickelt, damit Fahrer andere Menschen beim Lebensmitteleinkauf unterstützen können – auch ohne eigenes Auto.

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Corona-Krise

Der Service ist kostenlos. Über Blablahelp können sich Menschen in der Nähe miteinander verbinden und über eine Kartenfunktion organisieren. Die App wurde während eines internen Hackathons entwickelt.

Flixbus: Mit dem Bus über die geschlossene Grenze

Das Münchner Start-up Flixbus hat in Zusammenarbeit mit den Busunternehmen, Botschaften und Regierungen dazu beigetragen, dass rund 500 Menschen unter den derzeitigen Bewegungseinschränkungen und Grenzauflagen zurück in ihre Heimatländer reisen konnten, als die Corona-Krise in Europa ihren Höhepunkt erreichte. Weitere Transfers seien geplant, heißt es von dem Unternehmen.

Günstigere Fahrzeuge für Lieferanten und Privatnutzer

Das Berliner E-Roller-Start-up Emmy hat deutschlandweit sein Geschäftsmodell erweitert. So sind die Roller derzeit auch für den Eigengebrauch einen Monat lang zum Preis von 250 Euro buchbar.

Zudem stellt das Unternehmen Gewerbetreibenden wie Lieferanten seine Fahrzeuge für sechs Euro am Tag zur Verfügung und kümmert sich um die Wartung.

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„Es herrschte eine krasse Energie in dem ganzen Laden“

Rocket Internet hat die Berliner Start-up-Szene maßgeblich mitgeprägt. Ein Grund: Zahlreiche Männer und Frauen, die in den vergangenen Jahren Start-ups gegründet und teils sehr erfolgreich gemacht haben, begannen ihre Karriere bei Rocket. Vor allem sie sind es, die für die Faszination sorgen, die von der Berliner Firmenschmiede ausgeht.

Um zu sehen, hinter welchen Start-ups Ex-Rocket-Leute stehen, muss man bei den LinkedIn-Lebensläufen der Gründerinnen und Gründer weit nach unten scrollen: Rocket Internet wurde 2007 gegründet, viele der heutigen Start-up-Szeneköpfe waren zwischen 2008 und 2010 dort.

Wie war es, damals bei Rocket zu arbeiten? Und inwiefern hat Oliver Samwers Unternehmen die weiteren Karrieren geprägt? Wir haben bei sechs Rocket-Leuten des Anfangs nachgefragt:

– Anna Alex, Gründerin von Outfittery und Planetly, von 2008 bis 2009 bei Rocket.

– Robert Ermich, Gründer von Deinhandy, von 2008 bis 2009 bei Rocket.

– Christian Lubasch, Gründer von Leroi, von 2007 bis 2010 bei Rocket.

– Benedikt Franke, Gründer von Helpling und Planetly, von 2009 bis 2010 bei Rocket.

– Tim Kunde und Janis Meyer-Plath, Gründer von Friendsurance, von 2008 bis 2009 bei Rocket.

Wie kam man in den ersten Jahren an einen Job bei Rocket?

Vor allem über einen Mann: Christian Weiß. Er war von 2007 bis 2011 Geschäftsführer bei Rocket Internet und nach eigenen Angaben dafür verantwortlich, gute Leute ranzuholen. Im Gespräch mit „Gründerszene“ sagt er, dabei habe er vor allem auf vier Quellen zurückgegriffen: Studierende der WHU (dort haben auch Weiß und Oliver Samwer studiert), ehemalige Mitarbeiter von Samwers Klingelton-Start-up Jamba, ehemalige Mitarbeiter von Weiß’ eigener Firma Mundwerk sowie Praktikanten aus Weiß’ Zeit als Ticketing-Chef der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Das bestätigen die Gespräche mit den Ex-Rocket-Mitarbeitern: Janis Meyer-Plath etwa sagt, er habe im Studium ein Praktikum bei Jamba gemacht und sei „danach im lockeren Austausch mit Oli und Alex Samwer geblieben“. Robert Ermich war einer von Christian Weiß’ Praktikanten bei der Fußball-WM 2006 und blieb offenbar im Gedächtnis: „Er hat mich nach dem Bachelor-Abschluss direkt zu Rocket geholt“, so Ermich.

Wer nicht von Weiß geholt wurde, kam über andere Kontakte zu Rocket-Mitarbeitern. „Ich kannte die damalige Führungsriege gut und hatte als WHU-Alumnus Kontakt zu diversen Leuten, die die Samwers kannten“, sagt etwa Tim Kunde.

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Start-up-Schmiede

Christian Lubasch berichtet, er habe während des Auslandssemesters einen Rocket-Mitarbeiter „aus der WHU-Connection“ kennengelernt. „Er meinte: ,Da braucht man so Verrückte wie dich, die alles ein bisschen können, aber nicht notwendigerweise irgendetwas richtig.‘“

Andere wiederum machten einfach zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Eindruck. Anna Alex etwa kam durch ihre Abschlussarbeit zu Rocket. Darin habe sie über Netzwerke von Start-up-Investoren geschrieben, sagt sie.

Für ein qualitatives Interview habe sie mit Just Beyer gesprochen, der damals beim European Founders Fund (EFF) der Samwer-Brüder gearbeitet hat. „Der hat mir direkt einen Job angeboten“, so Alex. So machte sie erst ein Praktikum beim EFF und fing später bei Rocket Internet an.

Wie sahen die damaligen Rocket-Jobs aus?

Entweder waren die Rocket-Mitarbeiter direkt beim Company Builder tätig oder in einem Venture stationiert. Aussuchen konnte man sich das nicht unbedingt, sagt Anna Alex: „Man wurde einfach auf die Jobs gesetzt, wo man am meisten gebraucht wurde.“

Präferenzen habe man aber schon äußern können. Sie sei etwa bei Zalando gewesen, als dort 150 Personen gearbeitet haben. „Das war mir zu groß, deswegen konnte ich zum kleineren Dealstreet wechseln.“ Hauptsächlich habe sie im Bereich Produktmanagement gearbeitet.

Benedikt Franke baute indes als „Head of HR“ das Recruiting für Rocket und seine Ausgründungen auf. „Heute unvorstellbar: Es war damals eine echte Herausforderung, Kandidaten zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, Schuhe online zu verkaufen und dass ein Zalando ein guter Karriereschritt für sie wäre.“ Später gründete er das Rocket-Venture Citydeal (wurde später zu Groupon) in London mit.

Der damals 24 Jahre alte Robert Ermich bekam bei Rocket eine Stelle als Business Developer – dort habe er neue Geschäftsmodelle analysiert, sagt er. Christian Lubasch erinnert sich vor allem an ständig wechselnde Einsatzorte und Jobtitel: Er war unter anderem bei Zalando, Ecareer und Citydeal tätig; sein Jobtitel variierte zwischen Online-Marketing-, IT- oder Data Specialist. Später verantwortete Lubasch das Thema Business Intelligence für Rocket-Start-ups in 32 Ländern.

Die Anfangszeit bei Rocket Internet in drei Worten

– Anna Alex: „Intensiv, lehrreich, unbeschwert.“

– Benedikt Franke: „Run. Run. Run.“

– Christian Lubasch: „Spannend, verrückt, teils surreal.“

– Robert Ermich: „Lehrreich, Work hard, play hard, Performance.“

– Tim Kunde und Janis Meyer-Plath: „Task failed successfully.“

Wie war die Zeit beim jungen Rocket?

„Alles war spannend“, beschreibt es Anna Alex. „Es herrschte eine krasse Energie in dem ganzen Laden.“ Die Arbeit bei Rocket habe sie stark geprägt. „Ich habe die Angst vor schnellem Wachstum verloren. Vor allem Groupon war dahingehend wirklich crazy“ (nur knapp sechs Monate nach der Gründung wurde das Rocket-Venture Citydeal für einen dreistelligen Millionenbetrag von Groupon gekauft). Als größten Vorteil für ihre weitere Karriere nennt Alex das Netzwerk, das sie über Rocket Internet gewann.

„An allem, was man über Rocket lesen kann, ist etwas dran“, sagt Tim Kunde. Im positiven Sinne mitgenommen habe er „die enorme Geschwindigkeit, den Pragmatismus und die Fähigkeit, viele talentierte Leute zusammenzubringen“. Von Oliver Samwer habe er sich in Sachen Führung „das eine oder andere abgucken“ können.

Manches aber auch nicht – so habe Samwer auch mal einen Locher geworfen. Ein großes Learning aus seiner Rocket-Zeit sei für ihn, als Gründer authentisch zu bleiben: „Wer kein Mini-Me von Oli ist, sollte auch in seiner Rolle als Unternehmer nicht versuchen, einer zu sein.“

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Start-up-Schmiede

Benedikt Franke war vor Rocket bei einer Unternehmensberatung. Die Arbeit bei Rocket sei völlig anders gewesen: „Wir waren alle davon berauscht, schon so früh Verantwortung zu übernehmen und selbst maßgeblich am Aufbau von Unternehmen beteiligt zu sein“, sagt er. „Dieser Geist, dass durch großen Einsatz und mit einem exzellenten Team alles möglich ist, hat uns nachhaltig geprägt.“

Wie überaus familiär es damals bei Rocket Internet zuging, beschreibt Christian Lubasch: „An meinem ersten Arbeitstag hat mich unser damaliger Chef Philipp Kreibohm kurzerhand bei Robert Ermich einquartiert“, erinnert er sich. „Er meinte: Klingle heute Abend dort – da kannst du erst mal wohnen. Robert wusste natürlich von nichts.“

Von Rocket habe er vor allem „Hands-on-Gründungserfahrung und unternehmerisches Denken“ mitgenommen, außerdem ein großes Netzwerk. „Auch wenn es sich zwischenzeitlich so angefühlt hat, als habe man die eigene Seele an den Internet-Teufel verkauft, füllen die Erfahrungen dies für mich mehr als auf.“ Robert Ermich fasst seine Learnings von Rocket Internet pragmatisch zusammen: „Ich habe gelernt, was Start-up bedeutet.“

Rocket, die Copy-Bude?

Obwohl die Ex-Rocketler viel Positives mitgenommen haben: Manches sehen sie rückblickend kritisch. „Persönlich schwierig finde ich die mangelnde DNA für echte Innovation statt Fast-Follower-Innovation“, sagt etwa Tim Kunde. Damit ist gemeint, dass Geschäftsmodelle aus anderen Ländern möglichst schnell kopiert werden.

Außerdem kritisiert er die „extreme Top-down-Orientierung“. Viele Mitarbeiter hätten den Samwer-Brüdern blind vertraut. Das habe dafür gesorgt, dass viele Rocket-Ventures schnell wuchsen – allerdings sei so „nicht das Beste aus einem Team herausgeholt“ worden.

Bei der Gründung von Friendsurance hätten er und seine Mitgründer viele Dinge anders als Rocket machen wollen. „Dabei blieb die Geschwindigkeit manchmal auf der Strecke“, räumt er ein.

„Die gegenwärtige Ideenlosigkeit ist nichts, was Börseninvestoren überzeugt“

Angeblich soll Rocket Internet von den Samwer-Brüdern von der Börse genommen werden. Was ist dran an den Gerüchten? Unter anderem darüber spricht Dietmar Deffner jetzt mit Alex Hofmann, Chefredakteur Gründerszene.

Quelle: WELT/ Dietmar Deffner

Christian Lubasch sagt, er habe es nach dem Austritt bei Rocket schwer gehabt, die Unternehmen außerhalb des Rocket-Universums zu verstehen. „Rocket war damals extrem speziell. Man lebte in einer kleinen, rosaroten Welt, und die andere Welt dort draußen tickt einfach anders“, sagt er. So hätte Rocket Internet für seine Ventures ein deutlich höheres Marketingbudget ausgegeben als andere Firmen.

Outfittery-Gründerin Anna Alex erlebte indes, dass es nicht nur gut ankommt, die eigene Karriere bei Rocket gestartet zu haben: „In Amerika wurde Rocket immer sehr skeptisch gesehen“, berichtet sie.

„Nach dem Motto: Die Copy-Bude von amerikanischen Firmen. Dort hatten sie den Eindruck, wer bei Rocket war, könne selbst nicht kreativ sein.“ Den Kritikern habe sie entgegnet: „Es kommt auf die Umsetzung an und weit weniger auf die Idee.“

Oliver Samwer in einem Wort

– Robert Ermich: „Performance.“

– Benedikt Franke: „Oli.“

– Christian Lubasch: „Rakete. Und teils wahnsinnig, positiv wie negativ.“

– Anna Alex: „Hart, aber fair. Er hat einem immer direkt ins Gesicht gesagt, was er denkt. Einmal sagte er: ,Anna, das ist der größte Mist, was du hier gemacht hast.‘ Aber er konnte auch sagen: ,Anna, das war super geil!‘ So ein direktes Feedback ist natürlich nicht jedermanns Sache.“

– Tim Kunde: „Vollgas.“

– Janis Meyer-Plath: „Naturgewalt.“

Wie es für die Rocket-Leute des Anfangs weiterging

Viele, die den Company Builder verließen, taten dies, weil sie selbst gründen wollten – aber ohne Rocket als Teilhaber. „Es ist kein Geheimnis, dass Gründer im Rocket-Inkubator weit weniger Anteile an ihrem Start-up bekommen, als wenn sie selbst gründen würden“, sagt Anna Alex.

Tim Kunde stimmt zu: „Rocket ging schrittweise mit immer größeren Anfangs-Investments an den Start, um schnell eine Marktführerschaft in den jeweiligen Themen aufzubauen“, sagt er. „Das machte manchmal mehr Sinn, manchmal weniger – führte aber immer dazu, dass man als Gründer nur noch sehr wenig Equity bekommen konnte und auch nicht mehr unternehmerisch Herr im eigenen Haus war.“

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Dennoch: Zum Gründen motiviert hat Rocket sie beide. Kunde baute nach seinem Ausstieg gemeinsam mit seinem Rocket-Kollegen Janis Meyer-Plath sowie Sebastian Herfurth Friendsurance auf, eine digitale Versicherungsplattform. Noch heute sind alle drei Gründer dabei. Eine Besonderheit in der deutschen Start-up-Szene: Viele Gründerinnen und Gründer verlassen ihre Firmen nach ein paar Jahren.

Anna Alex baute nach ihrer Zeit bei Rocket gemeinsam mit Julia Bösch den Personal-Shopping-Service Outfittery auf. „Irgendwann dachte ich: Es ist anscheinend möglich, eine eigene Firma zu bauen. Dann kann ich das doch auch“, sagt sie.

Sie konnte: Ihr Start-up wurde international erfolgreich und mit mehr als 60 Millionen Euro finanziert. Alex verließ das Unternehmen 2018, inzwischen hat sie gemeinsam mit Benedikt Franke die Klimaschutzberatung Planetly gegründet.

Gründer profitieren von Rocket-Netzwerk

Franke und Alex kennen sich aus der gemeinsamen Zeit bei Rocket Internet, gingen aber danach zunächst getrennte Wege. Franke startete nach seinem Rocket-Ausstieg 2010 gemeinsam mit seinem Rocket-Kollegen Philip Huffmann das Adtech-Unternehmen Latin American Media Group. Investoren wie Eventures und Bertelsmann stiegen ein – „auch dank des Rocket-Stempels“, ist Franke überzeugt.

Für ihre nächste Geschäftsidee kehrten Franke und Huffmann dann doch zu Rocket zurück. Gemeinsam mit dem Company Builder gründeten sie 2014 Helpling. Das Start-up vermittelt Putzkräfte an Privatpersonen, wurde zuletzt Ende 2019 mit 20 Millionen Euro finanziert. Franke ist inzwischen noch Beiratsmitglied bei Helpling und CEO seines neuen Unternehmens Planetly.

Auch Christian Lubasch wollte lieber ohne Rocket gründen. Nach drei Jahren bei dem Company Builder habe er ein Angebot bekommen, bei einem neuen Venture als Teilhaber einzusteigen, sagt er. Das habe er ausgeschlagen und stattdessen allein das Start-up Dealvertise gegründet.

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Später gründete Lubasch die erfolgreiche Datenanalyse-Agentur Leroi, mit der er etwa Zalando, N26 und die Deutsche Bank beriet. Gründer-Karriere machte auch Robert Ermich. Er war nach Rocket zunächst COO beim Vergleichsportal Preis24, dann gründete er seine eigene Firma Deinhandy. Ende 2019 verkaufte Ermich sein Start-up vollständig an einen Schweizer Mobilfunkkonzern und stieg auch operativ aus.

Ob Rocket Internet seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wirklich zu erfolgreicheren Karrieren verholfen hat? Ganz genau kann das heute wohl niemand sagen. Klar ist aber: Viele profitieren bis heute von dem Netzwerk, das sie sich über den Berliner Investor aufgebaut haben – obwohl sie das Unternehmen teils schon vor mehr als einem Jahrzehnt verlassen haben.

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Wasserkisten oder Möbel transportieren? Mit diesen E-Leihrädern soll es klappen

In Berlin sieht man sie regelmäßig, entweder beladen mit dem Bio-Company-Einkauf oder behelmten Kindern. Lastenräder sind praktisch, außerhalb der Großstädte allerdings ein eher seltener Anblick in Deutschland, von Postbotinnen und Postboten auf gelben Exemplaren einmal abgesehen.

Für Tobias Lochen sind sogenannte Cargobikes ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Wenn er ohne Fußmarsch und ÖPNV Großeinkäufe nach Hause transportieren möchte, ist er auf sie angewiesen. Denn der 33-Jährige hat keinen Führerschein. Gerade arbeitet er daran, künftig Wasserkisten und Einkaufstüten in möglichst vielen Städten auf Rädern von A nach B bringen zu können.

Lochen ist Gründer und Geschäftsführer des Darmstädter Start-ups Sigo, das Lastenräder mit Elektroantrieb entwickelt. Allerdings nicht mit dem Ziel, sie anschließend zu verkaufen (zum Beispiel an Eltern in Prenzlauer Berg). Sigo will seine E-Bikes Privatpersonen an Ladestationen zum Ausleihen bereitstellen. Ähnlich wie es Donk-ee schon seit rund zwei Jahren und mit aktuell 60 E-Lastenrädern in Köln tut.

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Weniger Autos

Doch anders als bei Donk-ee, wo leere Akkus manuell gegen geladene getauscht werden müssen, sollen die Räder von Sigo vollautomatisch an der Station aufgeladen werden. Ein weiterer Punkt unterscheidet die Nordrhein-Westfalen vom unabhängig gegründeten Start-up Sigo: Das Unternehmen hinter Donk-ee ist eine Tochter des Ökoenergieversorgers Naturstrom.

Sigo-Gründer Lochen sagt, dass sein Team die passende Hardware nicht von der Stange bekomme. Stattdessen lasse es die Einzelteile nach eigenen Vorgaben von einem Auftragshersteller in China produzieren. Montiert werde in Europa.

Auffälliger als das Fahrrad, vor dem Sigo-Gründer Philipp Harter und Tobias Lochen (von links) hier stehen, sind die Lastenräder des Start-ups dann doch
Quelle: Elisabeth Neuhaus / Gründerszene

Wie viele andere Start-ups spürten auch sie die Auswirkungen des Coronavirus: „Batterien haben wir nicht so viele, wie wir haben wollen“, sagt Lochen. Noch reiche es aber. Seit dem Ausbruch der Epidemie sind in China laut Johns-Hopkins-Universität insgesamt 80.026 bestätigte Coronavirusinfektionen gezählt worden (Stand: 2. März, 9:40 Uhr).

Die Weltwirtschaft bekommt das derzeit deutlich zu spüren. Er gehe aber davon aus, dass sich die Lage in China bald wieder normalisiere und damit auch Batterien wieder verfügbar seien, so Lochen.

Sigo hat erste Stationen für Lastenräder eröffnet

Ende Februar 2020 haben er und seine beiden Mitgründer Philipp Harter und Edin Zekanovic in Darmstadt die erste von vier dort geplanten Stationen eröffnet. Dazu sollen schon bald zwei Stationen mit je zwei Rädern in Frankfurt am Main, außerdem jeweils eine in Wiesbaden, Langen und Kelsterbach kommen.

Ein Markteintritt in überschaubarem Rahmen also, kein Vergleich zu der regelrechten Flutung der Innenstädte mit E-Tretrollern. So bald wie möglich will aber auch Sigo bundesweit vertreten sein.

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Nischenräder

Eigentlich war der Start der Flotte für Herbst 2019 vorgesehen. Wieso verzögerte er sich bis jetzt? „Wir mussten alles von der Pike auf entwickeln und herstellen lassen. Das braucht seine Zeit“, sagt Lochen im Gespräch mit „Gründerszene“.

Radverleih an Stationen in Wohngebieten

Der Radverleih an Stationen ist aufgrund der zeitaufwendigen Installation langsamer skalierbar als das Free-Floating-Modell. Um trotzdem schnell zu wachsen, arbeiten Lochen und sein Team mit Wohnungsbaugesellschaften wie der Nassauischen Heimstätte zusammen.

Viele ihrer Stationen sollen in Quartieren und Wohngebieten stehen, um sie für die Menschen gut erreichbar zu machen. Dafür finanzierten die Gesellschaften die Installation der Ladestationen, so Lochen.

Wer sich ein Lastenrad ausleihen will, zahlt bei Sigo 1,50 Euro pro Buchung. Dazu kommt ein Euro für jede angefangene halbe Stunde. Reserviert und gezahlt wird per App.

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2017 in Wuppertal gegründet, zog Sigo für einen Platz im hessischen Mobilitätszentrum Holm in die Nähe des Frankfurter Flughafens. Business Angels aus dem Rhein-Main-Gebiet sind an dem Start-up beteiligt. Lochen spricht von einer Gesamtfinanzierung in Höhe von etwa einer halben Million Euro.

Neben der Wohnungswirtschaft seien auch Kooperationen mit ÖPNV und Kommunen in Planung, sagt der Gründer. Die Zielgruppe: alle ohne Auto oder mit dem Gedanken, es abzuschaffen.

Er erklärt, dass er eine Sache erreichen wolle. „Leute, die sagen: ‚Wenn ich eine Sigo-Station in der Nähe hätte, wäre es für mich nicht notwendig, ein Auto zu haben.‘“

Entlastung im Stadtverkehr durch Lastenradanbieter?

Bestehende Lastenradanbieter adressieren mit ihren Produkten insbesondere den Markt für Kurier-, Express- und Paketlieferungen. Als Alternative zum Auto könnten die Räder künftig eine größere Rolle im innerstädtischen Verkehr spielen. Der Zweiradindustrieverband geht indes davon aus, dass 50 Prozent aller motorisierten Warentransporte in Städten durch Lastenrädern ersetzt werden könnten.

In mehreren kommunalen Projekten werden Lastenräder bereits an Privatpersonen verliehen, nicht immer elektrisch angetrieben, dafür meist kostenfrei. So etwa in den Sigo-Städten Darmstadt (Heinerbike) und Frankfurt (Main Lastenrad). Die Bikesharing-Firma Nextbike, für ihre blaugrauen Leihräder bekannt, begann im vergangenen Mai damit, E-Lastenräder in Norderstedt bei Hamburg zu vermieten.

Dieser Text stammt aus einer Kooperation mit dem Magazin “Gründerszene”. Klicken Sie auf die Links, verlassen Sie welt.de und landen in den Artikeln bei gruenderszene.de.
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Dieses Start-up will Frauen in den Wechseljahren helfen

„Menopause? Ich doch nicht!“ So oder so ähnlich reagierten ihre Freundinnen stets, wenn sie mit ihnen über die Wechseljahre spreche, sagt Peggy Reichelt. Gemeint sind die Lebensjahre einer Frau vor und nach ihrer letzten Regelblutung, meist liegt diese Phase zwischen dem 40. und 60. Geburtstag. Nach der letzten Blutung – der Menopause – ist keine Schwangerschaft mehr möglich.

Eine einschneidende Phase, die mit einer hormonellen Umstellung einhergeht und von jeder Frau durchlaufen wird. Und doch gilt sie hierzulande als Tabuthema. Bei der Periode, also der Regelblutung von Frauen, ist die Gesellschaft schon offener. Und die Wirtschaft auch: Es gibt zahlreiche Start-ups, die um die Periode herum Geschäftsmodelle entwickelt haben, etwa mit Zyklustrackern, Ovulationstests und spezieller Unterwäsche. Femtech nennt sich diese Branche.

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Wechseljahre

Nun kommt eine neue Generation von Femtech-Start-ups: nämlich die, die sich an Frauen in den Wechseljahren richten. Dazu gehört auch Peggy Reichelts Firma Xbyx. Die 44-Jährige und ihre 28-jährige Co-Founderin Monique Leonhardt gründeten das Start-up 2019 in Berlin, Anfang Februar dieses Jahres veröffentlichten sie ihre Website.

Darüber verkaufen sie Nahrungsergänzungsmittel für Frauen in den Wechseljahren, etwa ein Vitamin- und Superfood-Pulver, das für „mehr Gelassenheit“ sorgen soll, und eines, das die Lust auf Sex erhöhen soll – denn die schwindet bei einigen Frauen vor und nach der Menopause.

Rund 30 bis 35 Euro kosten die Dosen, in denen 90 Gramm Pulver für insgesamt 30 Portionen enthalten sind. Die Zielgruppe könne es sich leisten, sagt Reichelt: Xbyx richte sich an Frauen ab 40, die sehr auf ihren Körper achten. Der Vorteil dieser Kundinnen: „Die stehen voll im Leben, wissen, was sie brauchen, und haben schon Geld auf dem Konto“, sagt sie. „Eine geile Zielgruppe.“

Millionenfinanzierte Femtech-Vorbilder aus den USA

Dass ihre Freundinnen so wenig offen für Gespräche über die Wechseljahre und so unwissend über das Thema waren, hätte sie auf die Idee gebracht, in diesem Bereich zu gründen, sagt Reichelt im Gespräch mit „Gründerszene“.

Anfangs habe sie an ein Onlinemagazin gedacht, mit dem sie über die Menopause aufklären wollte. Doch das würde sich schlecht monetarisieren lassen, glaubte sie – vor allem weil die Wechseljahre doch ein Nischenthema sind. Der Blick in die USA brachte sie dann auf die Idee mit den Supplements.

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Kinderwunsch

Dort sind schon mehrere Firmen in diesem Bereich gestartet, zum Beispiel Ritual aus Kalifornien, das Frauen in den Wechseljahren Vitaminpräparate im Abo verkauft und mit mehr als 40 Millionen Dollar finanziert ist. Die Plattform Rory, hinter der das millionenschwere Start-up Ro steht, verkauft indes medizinische Produkte für die Menopause. Das Hormon Melatonin etwa soll in dieser Lebensphase bei Schlafstörungen helfen.

Reichelt will nicht in den Markt für Medizinprodukte einsteigen. Sie findet: Frauen sollten nicht sofort zu Hormonen greifen. „Die Menopause ist keine Krankheit, sondern eine normale Phase wie die Pubertät.“ Bei Problemen wie Müdigkeit könne oft schon eine Ernährungsumstellung helfen – von fleisch- auf pflanzenbasiert.

„Pflanzliche Lebensmittel wie Vollkornbrot, Nudeln, Kartoffeln, Reis und viel frisches Obst und Gemüse im Mittelpunkt“ empfiehlt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für die Wechseljahre. Ihre Vitaminmischungen sollen Frauen beim gesunden Essen unterstützen, sagt Reichelt. Entwickelt hat sie die Pulver mit Ärztinnen, Gynäkologen und Ernährungswissenschaftlerinnen. Die Produktion erfolgt nach Angaben des Start-ups in zwei Betrieben in Deutschland.

Xbyx-Gründerin vorher CEO bei Ströer

Xbyx ist nicht Reichelts erste Gründung. Die studierte Ingenieurin mit MBA von der renommierten Universität St. Gallen baute Anfang der 2000er den Diätlebensmittel-Shop Amapur auf. Später war sie Teil der Gründungsteams hinter dem Tech-Magazin Giga.de, das 2014 von Ströer übernommen wurde.

Der Konzern führte das Start-up unter dem Namen Ströer Media Brands weiter und bündelte darunter etwa auch die Portale Kino.de und Familie.de. Reichelt blieb noch drei Jahre als CEO. Xbyx finanziere sie nun aus Ersparnissen aus dieser Zeit, sagt sie.

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Was der Urologe rät

Heute bezeichnet sie ihre Arbeit bei Giga und Ströer als „Ausflug in die Tech-Welt“ – nun sei sie froh, mit Xbyx wieder „back to the roots“ zu sein. Noch steht sie mit ihrer Firma ganz am Anfang. Wie viele Kundinnen sie schon hat, verrät sie nicht. Nur so viel: Mehr als 2000 Frauen hätten bislang den „Xbyx Check“ gemacht, den das Start-up auf seiner Website anbietet.

Nutzerinnen sollen damit herausfinden, was sie an ihrem Lebensstil für eine beschwerdefreie Menopause verändern sollten. In kostenlosen „Guides“ erfahren die User zudem, was sie bei Schlafstörungen und Hitzewallungen tun können. Und in Blogbeiträgen erklärt Reichelt Fakten über die Wechseljahre. Ganz hat sie ihre Idee für ein Menopausen-Magazin also nicht fallen lassen.

Dieser Text stammt aus einer Kooperation mit dem Magazin “Gründerszene”. Klicken Sie auf die Links, verlassen Sie welt.de und landen in den Artikeln bei gruenderszene.de.

Source: Wirtschaft – WELT
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