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„Ein billiger Werbegag, der die guten Absichten der Anleger ausnutzt“

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will im kommenden Jahr erstmals eine grüne Bundesanleihe ausgeben. Mit dem Erlös sollen Ausgaben mit „positiver ökologisch-nachhaltiger Wirkung“ im Bundeshaushalt finanziert werden. In welche Projekte das Geld der Anleger genau fließen soll, steht noch nicht fest.

Kritiker sehen in der Initiative der Bundesregierung in erster Linie eine PR-Aktion. „Grüne Anleihen sind und bleiben Greenwashing in Reinform, da darf man sich als Anleger nicht täuschen lassen“, sagte FDP-Fraktionsvize Christian Dürr. Die grünen Anleihen sollten Anlegern suggerieren, dass sie mit ihrer Anlageentscheidung die Umweltpolitik der Bundesregierung beeinflussen könnten.

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Das sei aber falsch, so Dürr, in Wahrheit würden nur die demokratisch gewählten Abgeordneten im Bundestag darüber entscheiden, wie viel Geld aus dem Haushalt in welche Projekte gesteckt wird. „Diese Bundesanleihen sind leider nichts weiter als ein billiger Werbegag, der die guten Absichten der Anleger ausnutzt“, sagte der Finanzpolitiker.

Greenwashing – also der bloße Versuch, sich ein umweltfreundliches Image zuzulegen und gar keine tatsächliche Wirkung zu erzielen – schloss Tammo Diemer dagegen aus. Diemer ist Chef der Finanzagentur des Bundes, welche die Anleihen ausgeben wird. Das eingesammelte Geld werde „zweifelsfrei“ einzelnen Ausgaben zugeordnet, „die eine grüne Wirkung“ haben, so Diemer. Dies werde gegenüber den Gläubigern genau dokumentiert. Solche Ausgaben fänden sich typischerweise im Transport-, Energie- und Agrarbereich.

Entwicklung einer nachhaltigen Finanzarchitektur

Mit den Green Bonds will Bundesfinanzminister Scholz auslaufende Bundesanleihen ablösen. Eine Neuverschuldung ist auch im kommenden Jahr nicht geplant, an der zwischen den Koalitionspartnern vereinbarten schwarzen Null soll nicht gerüttelt werden. Sprich: Zusätzliche Ausgaben in Klima- und Umweltschutz werden dadurch nicht finanziert.

Hier setzt auch die Kritik der Grünen an. „Einfach die bestehenden Anleihen bei der Umschuldung als ökologisch zu verkaufen, ohne dass dafür auch nur ein Euro mehr für Klimaschutz ausgegeben wird, ist Greenwashing“, sagte Grünen-Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler.

Quelle: Infografik WELT

Mit den ersten grünen Bundeswertpapieren will die Regierung laut Finanzagentur die Entwicklung nachhaltiger Finanzmärkte unterstützen. Bislang machen sogenannte Green Bonds nicht einmal zwei Prozent des internationalen Anleihenmarktes aus. Zwar achten Anleger verstärkt darauf, dass bei ihren Anlagen Kriterien wie Umwelt- und Klimaschutz sowie Nachhaltigkeit erfüllt werden, doch noch ist das Angebot übersichtlich – wenn es auch stetig steigt. Für dieses Jahr geht die Ratingagentur Moody‘s weltweit von einem Emissionsvolumen grüner Anleihen in Höhe von 250 Milliarden Dollar aus nach 171 Milliarden Dollar im Vorjahr – ein Plus von fast 50 Prozent.

Deutschland gehört mit seinen Plänen keineswegs zu den Vorreitern in Europa. Schon 2007 legte die Europäische Investitionsbank (EIB) eine Klimaschutzanleihe auf. Größter Emittent in Deutschland ist die staatliche Förderbank KfW. Auch Industrie und Banken haben das Marktpotenzial erkannt. Die erste grüne Staatsanleihe in Europa gab Ende 2016 Polen heraus. Es folgten unter anderen Frankreich, Irland, Belgien und die Niederlande.

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Devisenspekulationen

Im zweiten Halbjahr 2020 will nun auch Deutschland so weit sein. Das Emissionsvolumen werde sich „im hohen einstelligen oder im niedrigen zweistelligen Milliardenbereich“ bewegen, so Diemer. Die konkrete Summe soll in den kommenden Monaten festgelegt werden, ebenso andere Details wie die Laufzeit der Papiere. Zunächst muss ermittelt werden, wie hoch die bereits getätigten grünen Ausgaben des Bundes sind, denen der Emissionserlös aus dem Verkauf der Anleihen nach bestimmten Transparenzkriterien, den sogenannten Green Bond Principles, zugeordnet werden kann.

Unter Renditegesichtspunkten werden grüne Staatsanleihen nicht attraktiver als klassische Staatsanleihen sein. Sie dürften sich sogar noch weniger lohnen als die bisherigen Bundeswertpapiere, deren Rendite sich seit Monaten im Minusbereich bewegt. „Ich gehe davon aus, dass die grünen Bundesanleihen etwas teurer handeln als klassische Bundesanleihen“, sagte Diemer auf die Frage, ob sich der höhere Dokumentationsaufwand bei grünen Anleihen für die Finanzagentur und damit den Bund auszahlen werde. Am Anleihenmarkt gilt: Je höher der Kurs einer Anleihe ist, desto geringer ist die Rendite.

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Klimaschutz-Strategie

Die Bundesbank stellte im Oktober in ihrem Monatsbericht mit Verweis auf die grünen Anleihen der KfW fest, dass viele Investoren zum aktuellen Zeitpunkt auf Rendite verzichten und grünen Anleihen eine höhere Bewertung beimessen. „Ein weiterer Grund liegt möglicherweise in der höheren Nachfrage nach Green Bonds, sodass diese aufgrund der vorherrschenden Knappheitsverhältnisse am Kapitalmarkt höhere Preise aufweisen“, hieß es weiter.

Eine Herausforderung bei grünen Staatsanleihen ist die Liquidität. Anleger wollen die Papiere genauso leicht kaufen und verkaufen können wie klassische Staatsanleihen – trotz des deutlich kleineren Marktes. Die Finanzagentur hat sich deshalb entschieden, die grünen Anleihen parallel zu konventionellen Bundeswertpapieren auszugeben – mit jeweils identischem Coupon und identischer Fälligkeit. Damit Anleger ihre grünen Papiere auch in schwierigen Phasen an den Kapitalmärkten verlässlich handeln können, sollen sie diese jederzeit in die entsprechende klassische Anleihe umtauschen können. Deshalb ist auch von einer „grünen Zwillingsanleihe“ die Rede.

Nach und nach will der Bund das Angebot ausweiten. „Perspektivisch soll eine grüne Bundkurve etabliert werden“, sagte Finanzagentur-Chef Diemer. Mit allen klassischen Anleihenlaufzeiten: zwei, fünf, zehn und 30 Jahre.

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Source: Wirtschaft – WELT
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