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„Thyssenkrupp ist finanziell in einer außerordentlich angespannten Lage“

Thyssenkrupp hat seinen Aktionären zur diesjährigen Hauptversammlung das Freifahrticket für den öffentlichen Nahverkehr gestrichen. Die Karten seien häufig nicht für den Besuch der Veranstaltung, sondern ganz allgemein für Fahrten im Verkehrsverbundgebiet genutzt und dazu sogar auf Ebay angeboten worden, heißt es vom Unternehmen zur Begründung.

„Aber natürlich sparen wir dadurch auch Geld.“ Und dieser Nachsatz ist durchaus wichtig. Denn die Situation spitzt sich zu bei Thyssenkrupp. Das hat Vorstandschefin Martina Merz beim Aktionärstreffen des Stahl- und Industriekonzerns sehr deutlich gemacht: „Die wirtschaftliche Entwicklung ist ernüchternd. Thyssenkrupp ist finanziell in einer außerordentlich angespannten Lage.“

Tatsächlich sieht die Bilanz zunehmend dramatisch aus. Die Zahlen sind rot, der Cashflow negativ. Allein im vergangenen Geschäftsjahr 2018/2019 hat Thyssenkrupp eine Milliarde Euro mehr ausgegeben als eingenommen. Die Nettoverschuldung ist daher um mehr als die Hälfte gestiegen, das Eigenkapital auf mittlerweile nur noch 6,1 Prozent gesunken.

„Für ein Industrieunternehmen ist das langfristig ein viel zu niedriger Wert“, warnt Merz und nutzt zur Veranschaulichung Bilder aus der maritimen Welt: „Das Schiff Thyssenkrupp ist in der jetzigen Aufstellung zunehmend manövrierunfähig.“ Der Konzern sei vergleichbar mit einem großen Schiff, das in zu flache Wasser geraten ist.

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Geplant ist deswegen ein drastischer Umbau des angeschlagenen Unternehmens, dessen ohnehin schon niedriger Aktienkurs in den vergangenen zwölf Monaten um noch mal mehr als ein Viertel eingebrochen ist. „Wir können es uns nicht erlauben, nur an Symptomen herumzudoktern. Scheu vor umfassenden strukturellen Veränderungen darf es nicht geben“, kündigt Merz an. Wie genau diese Veränderungen aussehen sollen, lässt die Managerin aber noch immer offen.

Sicher ist nur: Die Aufzugsparte Elevator Technology, die als letzte Ertragsperle des Unternehmens gilt, soll wahlweise verkauft oder an die Börse gebracht werden. Mindestens 15 Milliarden Euro will Thyssenkrupp dadurch einnehmen – Geld, mit dem die Bilanz gestärkt und Investitionen in die verbliebenen Geschäftsfelder gestemmt werden sollen.

Merz spricht von einem „Reset-Knopf“ für die Bilanz. Bieter haben sich schon einige positioniert, darunter Konsortien aus Finanzinvestoren oder auch der finnische Konkurrent Kone. Die Entscheidung über die Elevator-Transaktion soll bis Ende Februar getroffen werden.

Verkappte Liquidation oder solide Konzernstrategie?

Die Begeisterung der Aktionäre der einstigen Industrie-Ikone hält sich dabei in Grenzen. „Sie müssen die letzte Cashcow schlachten, um den Rest zu retten“, beklagt zum Beispiel Daniel Vos von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Er wisse allerdings nicht, ob man diese Strategie noch als Strategie bezeichnen kann.

„Ich glaube, das ist eine verkappte Liquidation.“ Und auch Marc Tüngler, der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), sieht die Probleme nach einem Elevator-Deal nicht gelöst. „Im Gegenteil: Dann tickt die Uhr erst richtig laut.“ Die Frage sei lediglich, wie viel zusätzliche Zeit sich Thyssenkrupp damit erkauft.

Auch von zahlreichen anderen Aktionärsvertretern mussten sich Vorstand und Aufsichtsrat geballten Zorn anhören. Ingo Speich, Stratege von Deka Investment, sieht sogar eine neue Dimension erreicht bei der negativen Entwicklung von Thyssenkrupp.

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Und der Schuldige dafür ist aus seiner Sicht auch ausgemacht: „Die Entwicklung ist ein Lehrstück über Managementversagen.“ In guten Jahren habe man an der falschen Strategie festgehalten, notwendige Verkäufe seien aufgeschoben und damit sinnlos wichtige Zeit verspielt worden. „Aber nicht nur der Vorstand hat versagt, auch der Aufsichtsrat hat sich zahlreiche Verfehlungen geleistet.“

Dieser Vorwurf zielt auch auf Martina Merz, die Anfang 2019 als Vorsitzende in das Aufsichtsgremium eingezogen ist und ihren Vorgänger Guido Kerkhoff und dessen Strategie einer Aufspaltung des Konzerns gestützt hat.

Im Herbst folgte schließlich die Kehrtwende: Kerkhoff musste gehen, freilich mit einer Mitgift in Höhe von über sechs Millionen Euro, dafür wechselte Merz aus dem Aufsichtsrat auf den Chefsessel. Ihre Amtszeit ist allerdings aktienrechtlich limitiert, in diesem Fall bis Ende September. Dieser Zeitplan wirft bei den Aktionären nun die Frage nach der Beständigkeit ihres Kurses auf, schließlich müsse ein Nachfolger dann eine Strategie umsetzen, die er nicht selbst entwickelt hat.

Im Konzernbereich Stahl, dessen geplante Übertragung in ein Joint Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel die EU-Wettbewerbsbehörden im vergangenen Jahr verhindert haben, setzt Merz dabei auf Bündnisse: „Allianzen können Mehrwert bieten. Deshalb sind wir offen für Gespräche.“

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Dabei geht es um mögliche Kooperationen mit Wettbewerbern, etwa um einen Weg aus der Restrukturierungsspirale der letzten Jahre zu beschreiben, wie Merz es ausdrückt. „Die Idee einer Konsolidierung bleibt aus unserer Sicht richtig.“ Eine enge Zusammenarbeit soll es aber auch mit der Politik geben, allen voran mit Blick auf die anstehende Transformation hin zu klimaneutralem Stahl.

„Eine solche Transformation ist in der Geschichte der Stahlindustrie einzigartig. Dazu sind Milliardeninvestitionen nötig, vor allem in Direktreduktionsanlagen“, so Merz. Das aber werde kein Unternehmen alleine schaffen. Deshalb müsse über geeignete Rahmenbedingungen gesprochen werden. „Ein Ökosystem für grünen Stahl ist eine gemeinsame Anstrengung.“

Um für die Zukunft in diesem Umfeld gewappnet zu sein, arbeitet Thyssenkrupp an der „Stahlstrategie 2030“. Gemeint ist damit eine „harte Restrukturierung“, in deren Rahmen auch Tausende Arbeitsplätze abgebaut werden.

Finale Ergebnisse, wie es im Stahl und den anderen Geschäftsbereichen abseits von Elevator weitergehen soll, soll es allerdings nicht vor Mai geben. Bis der Umbau zu besseren Geschäftszahlen führt, werden nach Ansicht von Merz sogar „zwei bis drei Jahre“ vergehen. Vorher würden die Zahlen wegen der Sanierungskosten wohl weiterhin schlecht ausfallen.

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Quelle: WELT / Thomas Laeber

Source: Wirtschaft – WELT
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