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Der Warnruf der WHO hat eine riskante wirtschaftliche Komponente

So schwer wie diesmal ist es der Weltgesundheitsorganisation WHO wohl noch nie gefallen, den internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen. Das Instrument, 2005 unter dem Eindruck der SARS-Epidemie eingeführt, ist neben den sechsstufigen Influenza-Pandemie-Warnungen die schärfste Waffe, die der WHO im Kampf gegen globale Seuchen überhaupt zur Verfügung steht.

Sechs Mal haben die Gesundheitswächter den internationalen Notfall seitdem ausgerufen, so etwa 2009 beim Ausbruch der sogenannten Schweinegrippe, 2016 im Fall des Zika-Virus und 2014 sowie zuletzt im vergangenen Jahr im Kampf gegen Ebola. Die WHO hat damit die Möglichkeit, die Staaten weltweit zu Maßnahmen etwa beim Reisen aufzurufen, die dabei helfen sollen, die Krankheit einzudämmen. Rechtlich bindend sind diese Empfehlungen nicht, die WHO kann darüber aber öffentlichen Druck ausüben.

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Irritierend ist allerdings, dass die Gesundheitswächter überhaupt so lange gebraucht haben, bis sie sich – nach zwei vorherigen Anläufen – zu ihrem jetzigen Weckruf für die internationale Gemeinschaft durchringen konnten. Denn die Zahl derjenigen, die sich in der hauptsächlich betroffenen Region Hubei in China mit dem neuen Coronavirus 2019-nCoV anstecken, hat sich binnen Kurzem vervielfacht.

„Kein Misstrauensvotum gegen China“

Gleichzeitig melden immer mehr Länder weltweit erste Fälle. Darunter, und das ist besonders besorgniserregend, sind auch solche, die vorher nicht in China gewesen sind, und die sich demnach im eigenen Land infiziert haben müssen. Damit wächst die Gefahr, dass sich das Virus rasant ausbreitet und auch Länder erfassen könnte, deren Gesundheitssysteme dafür schlecht gerüstet sind.

Für die WHO war die Entscheidung offensichtlich eine schwierige Gratwanderung. Einerseits muss sie alles ihr Mögliche unternehmen, um dem Virus Einhalt zu gebieten. Andererseits muss sie es vermeiden, Panik zu schüren und noch mehr Unruhe in die ohnehin angespannte Lage zu bringen. Zudem ist gerade die stolze Volksrepublik offenkundig ein ganz besonders schwieriger Fall: Irritierend häufig betonte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Gesundheitsnotstand sei keineswegs als Misstrauensvotum gegen China zu verstehen. Dahinter dürfte vor allem die Sorge stecken, dass die Regierung in Peking – die diesmal anders als beim Ausbruch von SARS vor 17 Jahren für ihre Verhältnisse relativ transparent kommuniziert – wieder dicht machen könnte, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlt.

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Die Gesundheitswarnung ist noch aus einem weiteren Grund heikel. Schon jetzt bricht sich in vielen Ländern, insbesondere in Nachbarstaaten Chinas, Fremdenfeindlichkeit gegenüber chinesischen Staatsbürgern Bahn. In manchen Läden, etwa in Thailand, hängen mittlerweile Zettel an den Türen, wonach chinesische Kunden unerwünscht sind. Eine französische Zeitung schlagzeilte mit der vermeintlich „gelben Gefahr“ und entschuldigte sich später.

In den sozialen Medien machen wildeste Verschwörungstheorien die Runde. Auch die Einschränkungen in Handel und Reiseverkehr nehmen zu. Russland schließt seine Grenze zu China, in vielen Ländern wird die Vergabe von Visa an chinesische Staatsbürger eingeschränkt. Immer mehr Fluglinien stellen ihre Flüge nach China bis auf Weiteres ein. Menschen machen sich Sorgen, Pakete aus China zu öffnen.

Nicht immer ist klar, was davon aus Gründen des Seuchenschutzes wirklich nötig und richtig ist. Und wo die berechtigte Sorge vor Ansteckung zu irrationaler Angst und Diskriminierung wird. Selbst aus den Empfehlungen der WHO geht bisher nicht eindeutig hervor, was genau nun zu tun ist. So sollen die Länder die Ausbreitung des Virus über Grenzen hinweg verhindern oder zumindest einschränken. Gleichzeitig aber Handel und Verkehr möglichst wenig beeinträchtigen. Das passt realistischerweise kaum zusammen.

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Der Warnruf der WHO, so wichtig er auch ist, zeigt damit auch überdeutlich die Grenzen eines solchen Instruments auf, bei dem ganz offenkundig nicht nur rein medizinische, sondern eben auch politische und wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielen. In einer Phase, in der die Globalisierung ohnehin auf dem Rückzug ist, Maßnahmen zu fordern, die das grenzüberschreitende Handeln und Reisen einschränken, ist riskant. Zumal es den latent vorhandenen Vorbehalten gegenüber der Wirtschaftsmacht China noch Vorschub leisten und womöglich als Vorwand für eine beginnende Ausgrenzung dienen könnte.

Eine Alternative zum WHO-Warnruf allerdings gibt es nicht. Zumindest dann nicht, wenn man wenigstens versuchen will, den unheimlichen Zug des Virus um die Welt einzudämmen.

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Quelle: WELT

Source: Wirtschaft – WELT
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