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„Wir sind für diese Art von Feinden schlecht gerüstet“

Als Chef der globalen Impfstoffallianz Gavi kämpft der amerikanische Epidemiologe Seth Berkley seit neun Jahren darum, ausreichend Sponsoren aufzutreiben, um Impfstoffprogramme für die ärmsten Länder zu finanzieren. Ein eher mühsames Geschäft, wie er im telefonischen Gespräch mit WELT sagt. Den Ausbruch des neuartigen Coronavirus sieht er als Weckruf für die Weltgemeinschaft, sich endlich besser gegen Gefahren dieser Art zu rüsten. Deutschland komme dabei eine Vorreiterrolle zu.

WELT: Wie sehr macht Ihnen die Entwicklung rund um das neue Coronavirus mit dem Kürzel Sars-CoV-2 Sorgen?

Seth Berkley: Zu Beginn sah es noch so aus, als müsse man sich keine allzu großen Sorgen machen. Der Ausbruch schien auf die Region Hubei in China begrenzt zu bleiben. Mittlerweile gibt es allerdings einige Hinweise, die uns alle nachdenklich stimmen sollten.

Seth Berkley, Gavi-Chef

Seth Berkley, Gavi-Chef
Quelle: privat

WELT: Was meinen Sie, abgesehen von den rasant steigenden Fallzahlen?

Berkley: Sorgen bereitet mir vor allem, dass sich so viel medizinisches Personal in China angesteckt hat, und damit Menschen, die viel besser als der Durchschnitt der Bevölkerung wissen, wie sie sich schützen können. Natürlich werden auch da im Einzelfall Fehler passiert sein, das lässt sich nie ganz vermeiden. Aber dass so viele Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte erkrankt sind, ist wirklich besorgniserregend. Wir müssen dringend herausfinden, wie ansteckend Menschen sind, die noch keine Symptome zeigen, obwohl sie das Virus tragen, wie hoch die Sterblichkeitsrate von Sars-CoV-2 ist und ob das Virus ähnlich wie das Influenzavirus saisonal beeinflusst wird. Letzteres wäre eine große Erleichterung.

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WELT: Lässt sich eine globale Pandemie überhaupt noch verhindern?

Berkley: Das Coronavirus ist mittlerweile in 29 Ländern aufgetaucht. Noch sind das Einzelfälle, die sich relativ klar zurückverfolgen lassen. Die Erkrankungen in anderen Ländern haben bisher auch noch nicht dazu geführt, dass sich das Virus dort verbreitet. Das lässt hoffen, dass wir eine Pandemie noch verhindern können. Die Weltgemeinschaft hat im Fall von Sars-CoV-2 so schnell reagiert wie nie zuvor: Das Genom des Virus ist sequenziert, und es gibt bereits mehrere Ansätze für Arzneien und Impfstoffe. Wir sind jetzt also viel besser gerüstet als noch vor fünf oder zehn Jahren. Allerdings sind auch die Maßnahmen historisch beispiellos: Eine Quarantäne von 45 Millionen Menschen, das hat es nie zuvor gegeben. In Anbetracht der Umstände war es aber die beste Entscheidung, die China treffen konnte, weil sie uns allen miteinander Zeit verschafft.

WELT: Dennoch gibt es Kritiker, die die Angst vor Sars-CoV-2 für übertrieben halten und auf die deutlich höheren Mortalitätsraten der saisonalen Grippe verweisen.

Berkley: Das ist leider der falsche Ansatz. Wir sollten alle ganz fest darauf hoffen, dass dieses Virus nicht so schlimm ist wie Influenza. Denn im Fall der saisonalen Grippe haben wir immerhin Impfungen, auch wenn diese nicht jedes Jahr optimal funktionieren. Wir haben Medikamente, mit denen wir Kranke zumindest teilweise behandeln können. Unser medizinisches Personal hat viel Erfahrung im Umgang mit Influenza. Sars-CoV-2 hingegen ist ein völlig neuer Erreger, den es vorher beim Menschen noch nicht gab. Unserem Immunsystem fehlt die Erfahrung damit. Gleichzeitig gibt es weder Medikamente noch Impfungen. Wir müssen diese Gefahr daher sehr ernst nehmen. Ob Einreiseverbote rund um den Globus übertrieben sind oder nicht, werden wir daher erst wissen, wenn wir mehr über den Erreger herausgefunden haben.

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WELT: Sie selbst waren Gast bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Hatten Sie keine Bedenken, an einer solchen Großveranstaltung teilzunehmen, obwohl gerade reihenweise andere große Events abgesagt werden?

Berkley: Nein, und ich halte es auch für übertrieben, dass etwa der inländische Flugverkehr in den USA seit dem Ausbruch von Sars-CoV-2 um zehn Prozent eingebrochen ist. Letztlich ist das alles aber eine Frage der eigenen Risikowahrnehmung. Ich setze mich ja auch ins Flugzeug, obwohl dieses abstürzen oder Teil eines Terrorangriffs werden könnte. Wenn Sie reisen, können Sie sich Tuberkulose einfangen, das geht sogar relativ schnell, wenn ein unerkannt Infizierter an Bord eines Flugzeugs oder eines Zugabteils ist. Gefahren lauern überall. Umso wichtiger ist es, die Risiken richtig einzuschätzen. Aber eben auch nicht zu überschätzen.

WELT: In einer so unklaren Situation ist das leichter gesagt als getan.

Berkley: Das ist richtig. Nehmen Sie nur den Ebola-Ausbruch vor sechs Jahren. Damals hatten einige Leute auch Sorgen, sich beim Fliegen anzustecken. Dabei ist Ebola bei aller Letalität relativ schwer übertragbar. Es ist wichtig, in solchen Phasen viel Aufklärung zu leisten.

WELT: Von dem heftigen Ebola-Ausbruch 2014 wurde die Welt ebenfalls überrascht, dabei war die Krankheit, anders als die jetzige Lungenepidemie, seit Langem bekannt. Nimmt die Welt das Risiko von Pandemien nicht ernst genug?

Berkley: Doch, durchaus. Zumindest intellektuell. Auf globalen Konferenzen taucht das Thema immer wieder auf, auch in München war das der Fall. Allerdings ist es uns bei aller Aufmerksamkeit bisher nicht gelungen, die entscheidende letzte Meile zu gehen.

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WELT: Was heißt das?

Berkley: Nehmen Sie erneut das Beispiel Ebola. Allen war klar, dass diese Krankheit extrem tödlich ist. Dennoch hat es die Weltgemeinschaft monatelang nicht gemerkt, dass der Ausbruch in Sierra Leone 2014 außer Kontrolle geriet. Als die Welt schließlich aufwachte, wurden in Rekordzeit Medikamente und Impfstoffe entwickelt. Ich habe daraufhin potenzielle Sponsoren angesprochen, um Mittel dafür zu sammeln, dass die Bevölkerung in den betroffenen Ländern auch tatsächlich mit diesen Impfungen versorgt wird. Geld spielt keine Rolle, hieß es damals. 200 Millionen Dollar wollten wir eigentlich einsammeln. Aber letztlich fand sich dann doch nur ein Spender, der 20 Millionen Dollar beisteuerte. Das war’s. Der Ausbruch war zu diesem Zeitpunkt bereits halbwegs eingedämmt, und damit verschwand auch die Bereitschaft, Geld im Kampf gegen diese Krankheit auszugeben. Was das betrifft, sind wir alle leider viel zu kurzsichtig.

WELT: Wie sehr frustriert Sie das?

Berkley: Lassen Sie es mich einmal so sagen: Momentan wirkt fast jeder sehr überrascht über dieses neue Coronavirus. Dabei existieren 30.000 Varianten des Coronavirus in einer Vielzahl verschiedener Tierarten. Diese Viren besitzen ein Protein, das mit menschlichen Zellen interagieren kann. Das bedeutet, es gibt eine gewisse evolutionäre Wahrscheinlichkeit, dass dieser Erreger die Artengrenze überspringt, insbesondere dort, wo Menschen und Tiere eng zusammenleben. Die globale Erwärmung und die steigende Bevölkerungsdichte sind zusätzliche Risikofaktoren für einen solchen Ausbruch. Trotzdem ist die Bereitschaft, sich dafür zu rüsten, bisher denkbar gering. Die Staaten rund um den Globus investieren Jahr um Jahr sehr viel Geld in ihre militärische Verteidigung, in Atom-U-Boote und Tarnflugzeuge. Und ignorieren die Gefahr, die von solchen Erregern für die Menschheit ausgeht. Wir sind für diese Art von Feinden schlecht gerüstet.

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WELT: Was wäre zu tun?

Berkley: Wir müssen unsere Verteidigung aufstocken. Der Ausbruch von Sars vor 17 Jahren und von Mers vor zehn Jahren, zwei ansteckenden Lungenkrankheiten, die beide ebenfalls durch Coronaviren verursacht wurden, waren ja bereits Warnung genug. Natürlich sind nicht alle Coronaviren schlimm: Ein Drittel aller Erkältungen wird durch harmlosere Erregervarianten verursacht. Der Punkt ist nur, wir müssen besser gewappnet sein für den Fall, dass ein Virus doch außer Kontrolle gerät.

WELT: Was meinen Sie konkret?

Berkley: Was hindert uns daran, eine Liste zu definieren mit Erregern, die wir im Blick behalten sollten? Und dann genau für diese Kandidaten die Impfstoffsuche so weit voranzutreiben, bis man ein, zwei aussichtsreiche Kandidaten gefunden und vielleicht noch durch die ersten Tests gebracht hat. Auf diese Weise hätten wir einen Vorsprung für den Fall, dass es doch zu einem Ausbruch kommt. Die Mediziner könnten dann direkt mit den aufwendigen klinischen Tests der Phasen zwei und drei beginnen, statt die Suche dann überhaupt erst anzufangen. Die notwendige Plattformtechnologie gibt es bereits, sie lässt sich leicht erweitern. Genauso wichtig ist es anschließend, dass diese Impfungen alle Länder weltweit erreichen. Und eben nicht nur die Industrienationen.

WELT: Gavi unterstützt schon jetzt solche Impfprogramme finanziell. Allerdings gibt es immer wieder Rückschläge, zuletzt auf Samoa, wo eine Masernepidemie ausgebrochen ist. Warum ist es so schwer, die Menschen dauerhaft von Impfungen zu überzeugen?

Berkley: Es macht mir tatsächlich große Sorgen, wie sehr sich die Fehlinformationen von Impfgegnern weltweit verbreiten. Gerade weil Impfungen so erfolgreich sind und manche Krankheiten damit aus dem Bewusstsein verschwunden sind, scheinen einige Leute zu denken, dass sie keine mehr benötigen. Dabei sind auch die Masern leider noch immer nicht besiegt. Dass der Erreger in seltenen schweren Fällen das Gehirn zerstören kann oder dass einige Erkrankte dauerhafte Behinderungen davontragen können, ist den meisten Impfverweigerern gar nicht bewusst.

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BEIJING, CHINA - FEBRUARY 13: A Chinese woman wears a protective mask as she waits for a bus at a usually busy stop on February 13, 2020 in Beijing, China. The number of cases of the deadly new coronavirus COVID-19 rose to more than 52000 in mainland China Thursday, in what the World Health Organization (WHO) has declared a global public health emergency. China continued to lock down the city of Wuhan in an effort to contain the spread of the pneumonia-like disease which medicals experts have confirmed can be passed from human to human. In an unprecedented move, Chinese authorities have maintained and in some cases tightened the travel restrictions on the city which is the epicentre of the virus and also in municipalities in other parts of the country affecting tens of millions of people. The number of those who have died from the virus in China climbed to over 1300 on Thursday, mostly in Hubei province, and cases have been reported in other countries including the United States, Canada, Australia, Japan, South Korea, India, the United Kingdom, Germany, France and several others. The World Health Organization has warned all governments to be on alert and screening has been stepped up at airports around the world. Some countries, including the United States, have put restrictions on Chinese travellers entering and advised their citizens against travel to China. (Photo by Kevin Frayer/Getty Images)

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WELT: Ihrer Organisation wird von Kritikern eine zu große Nähe zur Pharmaindustrie vorgeworfen. Haben Sie ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Berkley: Ich halte dieses Argument für vorgeschoben. Unser Ansatz ist ganz pragmatisch: Wenn wir die Bevölkerung in den Schwellenländern mit kostengünstigen Impfungen versorgen wollen, brauchen wir die Hersteller an unserem Tisch. Sollten sich dabei mögliche Konflikte ergeben, informieren wir darüber sehr transparent. Im Übrigen arbeiten wir nicht nur mit Konzernen, sondern auch mit internationalen Organisation wie der WHO und den Regierungen vieler Staaten zusammen.

WELT: Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Trump hat die US-Regierung die Unterstützung für viele multilaterale Programme reduziert oder sogar eingefroren. Haben Sie das auch schon zu spüren bekommen?

Berkley: Es gibt in den USA sicherlich ein geringeres Interesse als früher an solchen multilateralen Ansätzen. Dennoch können wir uns nicht beklagen, die USA engagieren sich weiterhin sehr großzügig bei uns. Inwieweit der aktuelle Coronavirus-Ausbruch dazu beigetragen hat, kann ich natürlich nicht sagen, aber es hat sicherlich geholfen. Die größte Rolle hat für uns in den vergangenen fünf Jahren aber Deutschland gespielt. Dass Kanzlerin Angela Merkel die Gesundheit zum Thema ihrer G-7-Präsidentschaft gemacht hat, war ein Weckruf für alle. Ich habe ihr deshalb bereits in einem persönlichen Brief gedankt. Seitdem bin ich wirklich ein großer Fan von Angela Merkel.

Hintergrund: Seth Berkley – Kämpfer gegen tödliche Erreger

Der Mediziner Seth Berkley hat seine Karriere dem Kampf gegen tödliche Erreger gewidmet. Und das nicht nur, weil er sich als ausgebildeter Epidemiologe ohnehin mit weit verbreiteten Krankheiten und ihren Mechanismen beschäftigt. Sondern vor allem, weil sich Berkley seit Jahrzehnten darum bemüht, die aus seiner Sicht entscheidende Waffe gegen diese Krankheiten zu verbreiten: Impfungen.

Das Interesse an der Medizin erwachte früh: Schon mit zwölf Jahren richtete sich Berkley zu Hause ein eigenes Labor ein. Seine Karriere startete er 1984 bei der US-Seuchenschutzbehörde CDC in Atlanta. 1996 gründete er eine globale Initiative, die die schwierige Suche nach einem Impfstoff gegen die Immunschwäche-Krankheit Aids vorantreiben soll. Berkley hatte zuvor bei einem Einsatz für die CDC in Uganda erlebt, wie sehr diese Krankheit in manchen Ländern wütet.

Sein Einsatz blieb nicht unbemerkt: Das „Time Magazine“ zählte ihn 2009 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, ein Jahr später ehrte ihn die US-Zeitschrift „Fortune“ als „globalen Visionär“. Seit 2011 ist Berkley Geschäftsführer von Gavi mit Sitz in Genf, von wo aus er sein Ziel, die Menschen mithilfe von Impfungen vor Krankheiten wie Diphtherie, Masern oder Tetanus zu schützen, unermüdlich vorantreibt. Dass es überhaupt Menschen gibt, die freiwillig auf schützende Impfungen verzichten, kann der Mediziner nicht verstehen: Impfungen würden damit zum Opfer ihres eigenen Erfolges.

Hintergrund: Gavi – einer der größten Abnehmer von Impfungen

Die weltweite Allianz für Impfstoffe und Immunisierung, kurz Gavi, wurde im Jahr 2000 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos aus der Taufe gehoben. Anlass war ein akutes Marktversagen: Zwar gab es immer mehr Impfungen gegen eine ganze Reihe gefährlicher Krankheiten. Doch die Impfraten weltweit stagnierten, auch weil der medizinische Schutz zu teuer war und daher die ärmsten Länder nicht erreichte. Gavi, das als öffentlich-private Partnerschaft organisiert ist, unterstützt daher nationale Impfprogramme finanziell und handelt mit den Pharmakonzernen günstige Preise dafür aus.

Die Allianz, die bisher nach eigenen Angaben die Impfungen von 760 Millionen Kindern in Schwellen- und Entwicklungsländern unterstützt hat, ist mittlerweile einer der größten Abnehmer von Impfstoffen weltweit. Zu den Sponsoren gehören unter anderem die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und viele Regierungen. Deutschland sagte erst kürzlich eine weitere Finanzhilfe über 600 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre zu und zählt damit weiterhin zu den fünf wichtigsten Gebern.

Source: Wirtschaft – WELT
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