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Die Verschleierungstaktik der Optiker beim Brillenpreis

Jeden Morgen macht die Schichtleiterin einen Sitzplan. Nach ihrer Einteilung sitzen sich dann etwa 30 Mitarbeiter von Mister Spex an breiten Arbeitstischen gegenüber und bauen Brillen zusammen – von morgens kurz nach sechs Uhr bis abends um 20 Uhr. „Happy Birthday“ steht in bunten Leuchtbuchstaben an einer Stelle in der Mitte der Tische.

Persönliche Glückwünsche sind aber während der Arbeitszeit kaum erwünscht. Schließlich wird die Sitzordnung jeden Tag neu bestimmt, so lautet die Begründung, damit „nicht zu viel gequatscht“ wird.

In den Sitzreihen sind angelernte Arbeitskräfte neben Augenoptikern platziert. Sie schleifen Brillengläser an den Kanten nach, setzen die Gläser in Rahmen ein und schrauben Brillenbügel fest. Auf schmalen Förderbändern kommen permanent neue Brillenteile aus dem Lager hierher. Große Maschinen sind nebenan zu hören, im Sekundentakt schleifen sie aus Rohlingen fertige Brillengläser in allen denkbaren Dioptrie-Stärken bis hin zu komplexen Gleitsichtgläsern.

Im Durchschnitt benötigt ein Mitarbeiter fünf Minuten, bis er eine dieser online bestellten Brillen zusammengesetzt und geprüft hat. Danach verschwindet sie wieder auf dem Fördergestell, jetzt ist die Abteilung für den Onlineversand an der Reihe. Durchschnittlich vergehen drei Werktage von der Bestellung bis zur Auslieferung an die Haustür – wenn denn die Brillenherstellung derart organisiert ist wie in dieser riesigen Halle in der Berliner Siemensstadt.

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Brillenhersteller

Die Brillenfertigung steht vor einer Revolution. Ein Beispiel dafür ist der Marktführer im Onlinegeschäft, Mister Spex, der gerade aus dem Optikerhandwerk eine Industriefertigung macht. Rund 10.000 Brillen verlassen jede Woche die Fabrik in Berlin. Demnächst kommen die ersten 3D-gedruckten Brillen hinzu.

Damit spielt sich auch in Deutschland ab, was weltweit geschieht. Der Zusammenschluss von Essilor, dem Weltmarktführer bei Brillengläsern, mit dem führenden Hersteller von Brillenfassungen Luxottica ist der Ausgangspunkt für Veränderungen, wie sie die Optikindustrie noch nie zuvor erlebt hat.

Jedes zweite weltweit eingesetzte Brillenglas sowie jede vierte Brillenfassung kommen demnächst von dem neuen Großkonzern. Auch den Handel wird dieser Zusammenschluss direkt verändern, schließlich gehört die Billigkette Apollo seit kurzem zu dem Imperium aus Essilor und Luxottica.

Onlinehandel sorgt für sinkende Brillenpreise

Und der Bedarf wächst: Rund um den Globus benötigen 4,3 Milliarden Menschen eine Brille, aber nur 1,8 Milliarden besitzen eine. In wohlhabenden Ländern verfügen Brillenträger zuhause über Kollektionen und betrachten die Sehhilfe als Modeaccessoire. Anderenorts treiben Hilfsorganisationen Spendengelder auf, um Kindern zu gutem Sehen im Schulunterricht zu verhelfen.

Der Onlinehandel ist dabei einer der Treiber der Veränderungen. Er sorgt für sinkende Brillenpreise und wachsende Konkurrenz in einer Branche mit bis dato klar verteilten Rollen: Fielmann oder Apollo als Garanten günstiger Preise stehen einer Schar von Einzelunternehmern gegenüber.

Rund 11.600 Optikerbetriebe machen in Deutschland einen Umsatz von 6,3 Milliarden Euro, die Wachstumsraten liegen bei zwei bis drei Prozent im Jahr. Aber die großen Ketten darunter kommen bei den Läden gerade einmal auf einen Anteil von etwa 15 Prozent.

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Zu viel Smartphone

„Die Optikerbranche erlebt einen gewaltigen Wandel. Die Themen der kommenden Jahre sind Marktbereinigung, Transparenz und Steigerung der Effizienz“, sagt der Gründer und Chef von Mister Spex, Dirk Graber, im WELT-Gespräch.

Selbst wenn – wie vom Verband der Augenoptiker vorgerechnet – der Onlinehandel lediglich fünf Prozent des Branchenumsatzes ausmacht, sind Zukunftschancen dennoch klar verteilt. Optikerketten wie Fielmann oder Apollo wachsen noch, jedoch bei weitem nicht so stark wie in den Vorjahren – oder wie der Onlinehändler Mister Spex mit rund zehn Prozent.

Nun eröffnet das Berliner Unternehmen in den kommenden drei Jahren 100 Filialen im Land, greift damit Marktführer Fielmann an und will in andere Umsatzdimensionen gelangen. „Mit den Läden wollen wir auch mehr Kunden in der Gruppe von 40 bis 60 Jahre gewinnen“, sagt Graber.

Diese Käufer gehen für einen Brillenkauf in der Mehrheit in einen Optikerladen und nicht in den Onlineshop. Fast 20 Standorte von Mister Spex vorwiegend in Großstädten gibt es derzeit, bis Ende 2020 sollen es 40 Geschäfte sein. Die Zahl von aktuell rund 450 Beschäftigten wird sich dann rasch verdoppeln.

„Sehen darf kein Luxus sein“

12,5 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr eine Brille gekauft. Das kann richtig teuer werden. Deshalb fordern die Grünen nun, dass Brillengläser wieder mehr von den Krankenkassen bezuschusst werden.

Quelle: WELT/Katharina Kuhnert

Zudem ist der Besuch beim Optiker für einige Arbeitsschritte noch unerlässlich. So sind stationäre Sehtests notwendig. „Ein Online-Sehtest ist heute schon möglich. Bis zur Einführung braucht es aber noch Zeit“, sagt Graber. Zuallererst sollen die Läden das Geschäft voranbringen. „Die Filialen werden für uns ein Wachstumstreiber sein“, sagt der 42-jährige Manager.

Für 2019 rechnet der Manager mit rund 130 Millionen Euro Umsatz. Gewinnzahlen werden nicht genannt, das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll positiv sein. Das Unternehmen gehört Finanzinvestoren und Geldhäusern wie Goldman Sachs. Zuletzt ist der Hamburger Privatinvestor Albert Büll hinzugekommen.

Der Trend hin zur Industrialisierung und zu Größenvorteilen im Brillengeschäft hat für den Kunden auch Vorteile: Das Angebot steigt und zunächst sinken die Preise. Vor allem aber kommt durch die Konzentration und Technisierung endlich Transparenz in den Brillenhandel. Welchen Anteil am Brillenpreis die Gläser, die Fassung oder die Handwerksarbeit ausmachen, das legen einige Brillenhändler erstmals offen. Mister Spex gehört dazu, aber auch Anbieter wie Eyes and More aus den Niederlanden oder die Neugründung Krass Optik.

So viel kostet Ihre Brille wirklich

So kostet nach den Daten von Mister Spex ein Paar Einstärkengläser im Einkauf in der Industrie im Durchschnitt gut vier Euro, eine ähnliche Summe kommt als Arbeitsaufwand für das Schleifen hinzu. Das bedeutet, dass Material und Bearbeitung weniger als zehn Euro ausmachen.

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Altersweitsichtigkeit

Dem gegenüber steht ein typischer durchschnittlicher Verkaufspreis für ein Gläser-Paar von rund 90 Euro im Optikergeschäft. Für den Laden um die Ecke oder manche Optikerkette ergibt sich daraus ein Abstand von fast 90 Prozent zwischen Einkauf und Verkauf mit einem entsprechend hohen Gewinn.

„Transparenz bei den Preisen ist beim Brillenkauf immer noch nicht selbstverständlich“, sagt Graber. Der Onlinehandel habe schon vieles verbessert. Im Durchschnitt sei eine Brille aus dem eigenen Onlineshop rund 30 Prozent günstiger als ein vergleichbares Produkt aus dem Optikergeschäft vor Ort, behauptet der Manager.

Bei den Fassungen liegen die Preise enger beieinander als bei den Gläsern, der Unterschied macht in der Regel nicht mehr als 20 Prozent aus. „Der wesentliche Punkt beim Preisunterschied sind die Brillengläser“, sagt Graber. Den Kunden nicht die einzelnen Preisbestandteile einer Gesamtbrille zu nennen, sei eine „Verschleierungstechnik“.

Kompromiss bei Mister Spex

Doch die Kundschaft werde aufgeklärter und preisbewusster. „Der Onlinehandel im Brillengeschäft ist größer und auch interessanter geworden, als es anscheinend vielen klassischen Optikern lieb ist“, sagt der Manager.

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz gibt die Richtung vor. „Algorithmen helfen uns dabei, Kunden individuell anzusprechen“, sagt Graber. Der einzelne Onlinekunde erhalte eine für seinen Typ perfekte Brille als Vorschlag für den nächsten Onlinekauf. Die Technisierung geht jedoch viel weiter, eine Fertigung vor Ort ist heute schon möglich. „Wir werden im nächsten Frühjahr eine erste Kollektion an 3D-gedruckten Brillen anbieten“, sagt Graber.

Ein Vorteil besteht darin, dass bei dem Druckvorgang kaum Material vergeudet wird. Bei der herkömmlichen Brillenproduktion dagegen entsteht beim Schneiden der Rahmen Acetat als Abfall. So rasch wird 3D-Druck jedoch kein Standard werden. Bis zur Herstellung einer individualisierten Brille am Drucker ist laut Graber „noch einiges an Weg“ zurückzulegen. Heute dauere die Fertigung einer einzigen Brille mehrere Stunden. Allerdings könne eine 3D-gefertigte Brille durchaus beim Preis mithalten.

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ILLUSTRATION - Eine Frau blickt am 14.12.2017 in Berlin auf einen Sehtest(gestellte Szene). Foto: Florian Schuh | Verwendung weltweit

Wenig Durchblick

Regeln gibt es bei Mister Spex nicht nur für die erwähnte Sitzordnung. Vor dem Eingang in die Halle steht ein Schrank mit Schließfächern und dem Hinweis: „Bitte verschließe Sonnenbrillen, Zweitbrillen oder Extra-Kontaktlinsen in den vorgesehenen Spinden.“ So genannte Baggy-Hosen mit großen Seitentaschen sind während der Arbeit verboten. Anscheinend soll kein Mitarbeiter in Versuchung gebracht werden, etwas mitzunehmen.

Zuletzt gab es bei Kopfhörern während der Arbeitszeit einen Meinungsunterschied zwischen den Beschäftigten und dem Management. Die Geschäftsführung wollte sie aus Sicherheitsgründen nicht erlauben. Diskutiert wurde über eine Raumbeschallung mit Musik.

Am Ende fand sich ein Kompromiss. Kopfhörer, die nur auf einem Ohr getragen werden, sind nun zugelassen. Dadurch können die Mitarbeiter trotzdem angesprochen werden. Auch dies gehört zu der Einigung dazu: Die Firma stellt diese Ein-Ohr-Hörer zur Verfügung.

Source: Wirtschaft – WELT
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