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„Mit dem Trecker durch Berlin – schon gibt es eine Milliarde Euro“

Stahl-Manager Tim Hartmann hat ein neues Vorbild gefunden: die Landwirtschaft. „Die Bauern haben es vorgemacht“, sagt der Vorsitzende der Vorstände von Saarstahl und Dillinger Hütte. „Man muss einfach mit dem Trecker durch Berlin fahren und den Verkehr blockieren und schon gibt es eine Milliarde Euro von der Politik“, spielt Hartmann auf die Finanzhilfen der Bundesregierung für die Transformation der konventionellen Landwirtschaft in den kommenden vier Jahren an.

„Wir müssen lauter sein“, schlussfolgert der Manager. Denn offenbar komme es nicht auf Argumente an, sondern wie sie vorgetragen werden. Und der Redebedarf ist groß in der Stahlindustrie. Denn die Branche steht vor einer historischen Zäsur. Seit über 200 Jahren wird hierzulande Stahl produziert, und das nach dem immer gleichen Verfahren.

Weil dabei aber trotz fortwährender technischer Verbesserungen stattliche noch immer 57 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr entstehen, sucht die Branche nach neuen Wegen, um weitgehend klimaneutral zu werden. „Grüner Stahl“ lautet das dazugehörige Schlagwort in der Branche. Das bedeutet: Produziert wird nicht mehr im klassischen Hochofen, sondern in einer Direktreduktionsanlage.

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Darin werden sogenannte Reduktionsgase, die den Sauerstoff aus dem Eisenerz herauslösen, im Gegensatz zur üblichen Hochofenroute nicht durch Kokskohle erzeugt, sondern aktuell mit Erdgas und in Zukunft mit Wasserstoff. „Das ermöglicht eine CO2-Minderung von 95 bis 97 Prozent“, heißt es bei der auf dem Stromsektor spezialisierten Denkfabrik Agora Energiewende.

Technisch machbar ist dieser klimapolitisch wichtige Schritt, das haben alle großen Hersteller jüngst auf der Tagung „Zukunft Stahl“ in Düsseldorf nochmal versichert. Einige betreiben auch schon Pilotanlagen. „Jetzt braucht die Branche aber auch die entsprechenden Rahmenbedingungen, um die Transformation umsetzen und finanzieren zu können“, fordert stellvertretend Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, in Richtung Politik.

Dazu gehöre der Aufbau von Leitmärkten, sei es durch Quotenregelungen, öffentliche Beschaffung oder eine Incentivierung für die Verwender. „Dazu gehören aber auch wettbewerbsfähige Energiekosten und der Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur für ausreichend grünen Wasserstoff.“ Und dazu gehöre eine finanzielle Unterstützung für die Forschung sowie eine Anschubfinanzierung für Investitionen.

Transformation der Stahlbranche kostet 20 bis 30 Milliarden Euro

Denn die angestrebte Umstellung der Stahlindustrie ist extrem teuer. Die Schätzungen in der Branche reichen von 20 bis 30 Milliarden Euro. Und dieses Geld haben Unternehmen wie Thyssenkrupp, Salzgitter oder Saarstahl angesichts niedriger Margen nicht.

Bei Thyssenkrupp ist gerade zum wiederholten Male die Dividende ausgefallen. Noch dazu wäre der über neue Verfahren produzierte Stahl deutlich teurer, die Rede ist von 150 bis 200 Euro pro Tonne. Die Mehrheit der Konkurrenten aber muss diesen Aufpreis nicht verlangen.

„Die Politik muss sich entscheiden: Will sie eine Stahlproduktion in Deutschland und Europa? Oder soll Stahl in Zukunft nur noch importiert werden“, fragt Premal Desai, der Vorstandschef von Thyssenkrupp Steel Europe und schiebt sogleich hinterher: „Ohne Stahl gibt es keine Industriegesellschaft.“

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Heinz Jörg Fuhrmann schlägt in die gleiche Kerbe und warnt vor einer Dekarbonisierung, die sich am Ende zu einer Deindustrialisierung Deutschlands auswächst. Der Vorstandschef von Salzgitter fordert daher mehr Unterstützung von der Politik und vor allem Tempo bei Entscheidungen. „Stahl macht das beste Angebot für den Klimaschutz: Keine Branche kann so schnell so viel CO2 einsparen, konzentriert an wenigen Standorten und mit einer sicheren Technologie.“

Bundesumweltministerin Svenja Schulze signalisiert grundsätzlich Bereitschaft: „Ich habe nicht den Eindruck, dass es an Erkenntnis mangelt“, versichert die SPD-Politikerin den Stahl-Managern. Wie genau die Bundesregierung der Industrie helfen will, ließ die Ministerin aber offen.

Schulze versicherte lediglich, sich für den Ausbau von Erneuerbaren Energien einsetzen zu wollen und dass es bei diesem Thema „intelligentere Dinge“ gebe als die von Kabinettskollege Peter Altmaier (CDU) geplante Abstandsregelung für Windkraftanlagen.

EU-Kommission will helfen, weiß aber nicht wie

Auch in Brüssel bleibt vieles unverbindlich. Vergangene Woche haben sich die Chefs der Stahlhersteller mit der EU-Kommission getroffen. Und die will auch helfen, berichtet Saarstahl-Chef Hartmann. „Die wissen aber noch nicht wie. Gleichzeitig wurde uns aber angekündigt, dass die Klimaziele schon mal hochgeschraubt werden.“

Das werde dann sicherlich für Dynamik in der Branche sorgen. Hartmann ist entsprechend entsetzt, zumal durch den Emissionshandel auch nochmal Mehrkosten in Milliardenhöhe drohen: „Es kann nicht sein, dass wir vorweg rennen bei der notwendigen Transformation der Stahlindustrie, aber am Ende nicht lebend in der Zukunft ankommen.“

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Hartmann regt nun eine Kooperation der heimischen Stahlhersteller an. Aktuell forscht jedes Unternehmen für sich nach der besten Lösung. „Eine gemeinsame Rohstahl-Erzeugung in Deutschland und Europa ist denkbar“, schlägt Hartmann vor. Es mache durchaus Sinn, Risiken zu teilen. Thyssenkrupp-Chef Desai zeigt sich dafür offen: „Die Bündelung von Kräften der Stahlindustrie in Europa macht weiter Sinn.“

Source: Wirtschaft – WELT
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