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Weltgeschichte: Korea und das Coronavirus – Leben und Arbeiten im Zeichen der Alarmstufe Rot

Coronavirus

Arbeiter desinfizieren den Platz vor der Myungsung Kirche, eine presbyterianische Kirche mit 80.000 Anhängern, nachdem ein Pastor positiv auf den Coronavirus getestet wurde.



(Foto: dpa)

Tokio Die Schlange in der koreanischen Provinzmetropole Daegu wächst und wächst. Am Ende stehen mehrere Tausend Menschen vor einem Supermarkt an, in der vagen Hoffnung, eine Gesichtsmaske zu ergattern. Denn in Daegu herrscht Ausnahmezustand, seit in der Kirche einer christlichen Sekte der Coronavirus ausgebrochen ist.

Mehr als die Hälfte der über 1000 identifizierten Infizierten in Südkorea sind Mitglieder dieser Kirche, mehr als 60 Prozent aller Fälle stammen damit aus der Region. Doch die gesamte Stadt, ja das gesamte Land wird seither in Geiselhaft genommen.

Im Land wird Daegu isoliert, um die Verbreitung des neuen Virus zu bremsen. Und andere Länder isolieren inzwischen Südkorea. Israel hat bereits ein Flugzeug aus Korea nach Hause geschickt und die Einreise von Koreanern verboten. Singapur bittet seine Bevölkerung seit Sonntag, Reisen nach Korea zu unterlassen.

Doch auch im Rest des Landes fernab des Virenclusters in Daegu hat sich das Arbeits- und Alltagsleben drastisch geändert, seit die Regierung die am Sonntag die höchste Alarmstufe Rot für Infektionskrankheiten ausgelöst hat. Damit wird Korea zum Vorbild, wie sich mit der Viruswelle leben und arbeiten lässt, zeigen Berichte von Augenzeugen vor Ort.

Südkorea Regierung will modellhaft wirken

Der Schweizer Eduard Meier, der schweizerische, deutsche und französische Firmen vertritt und Mitglied in einem amtlichen Komitee für Nordkorea-Fragen ist, meint, dass Präsident Moon Jae-in mit Absicht sehr aktiv Krisenmanagement betreibt, um sich zu profilieren. „Er will vorbildlich Prävention durchführen und das setzt die Gesellschaft unter Druck“.

Für Elias Peterle, seines Zeichens Geschäftsführer des Unternehmensberaters Nowak & Partner, setzt Moon damit allerdings schon jetzt Standards in Sachen Professionalität, Konsequenz und Transparenz. „Korea ist ja leiderprobt“, sagt Peterle. Die tödlicheren Coronaviren Sars und Mers schwappten ins Land und auch die Vogelgrippe. „Und die Regierung hat die Entwicklung eigentlich immer gut im Griff gehabt.“

Das heißt nicht, dass es keine Pannen gibt. Aber es wird flächendeckend und viel auf Viren getestet. Peterle geht daher davon aus, dass die Fallzahlen in Korea genauer als in anderen Ländern sind. Zudem veröffentlicht die Regierung sogar Bewegungsprofile von einzelnen Infizierten, die dann von Privatleuten in Online-Karten umgesetzt werden.

So will man Vertrauen und Selbstverantwortung stärken. Jüngere Leute, die die Sars-Epidemie 2003 nicht miterlebt haben, reagieren dennoch erschrocken, meinen die alten Korea-Hasen. Aber wenigstens in Seouls Geschäftsbezirk scheint die Arbeit der Regierung beruhigend zu wirken. „Die Koreaner wirken gefasst und professionell“, meint Peterle. „Ich sehe nicht, dass die Leute übermäßig hysterisch reagieren.“ Zumindest die aus Peterles Milieu.

Die Bevölkerung zieht bei der Präventionspolitik mit

Auch der Schweizer Daniel Nyffenegger, Korea-Chef des Personalrecruters G&S, sorgt sich derzeit wenig um die Viren. Beim Skype-Interview sitzt er in seinem Büro in Seoul, hinter sich ein Raumtrenner mit klassischen koreanischen Gedichten. Er erlebt ein Land, das sich kollektiv an die Vorgaben der Regierung hält.


Die Regierung hat den Koreanern im Kampf gegen das Virus aufgetragen, Masken zu tragen, die Hände oft zu waschen und Menschenmengen zu meiden. Und die Bevölkerung zieht mit, beobachtet Nyffenegger: „Da gibt es einen typisch koreanischen Herdentrieb, die Obrigkeit sagt denen etwas, und alle machen es.“

In Bussen und Bahnen, in Büros und Bars, in Supermärkten und an Straßenlaternen gibt es Sprühflaschen zum Desinfizieren der Hände, berichtet der Schweizer. Auch die U-Bahnen sind leerer als sonst, weil viele Unternehmen Büropersonal von zuhause arbeiten lassen und der Rest der Bevölkerung zum Wohle der nationalen Gesundheit nicht notwendige Reisen, Restaurant- und Kinobesuche sowie Einkaufsbummel unterlässt. „Ich war gestern bei Ikea und da war es nahezu menschenleer“, erzählt Nyffenegger.

Fieberkontrollen im ganzen Land

Darüber hinaus ist nun plötzlich nicht nur verpönt, was früher zum guten Ton gehörte – mit Fieber zur Arbeit zu gehen. Es wird auch strikt überwacht. Nyffenegger hat dies beim Besuch einer Grundschule erlebt. Am Tor wurde seine Familie von Wächtern aufgehalten, die die Temperatur der Besucher maßen und ihnen frische Masken gaben. Erst dann durften die Nyffeneggers die Lehranstalt betreten.

Bei vielen Unternehmen wird ebenso am Eingang ein Gesundheitscheck durchgeführt. Ein Virenfall beim Elektronikhersteller Samsung dürfte die Aufmerksamkeit noch gestärkt haben. Koreas größter Konzern schloss nach einem positiven Befund gleich ein gesamtes Smartphonewerk über das vorige Wochenende, um es zu desinfizieren. Seit Montag läuft die Produktion zwar wieder, aber ohne die Kollegen des Erkrankten. Die müssen nun für 14 Tage in Quarantäne die Inkubationszeit des Virus aussitzen. Diese Kosten können sich klamme Kleinunternehmer kaum leisten.

Darüber hinaus werden Konzerte abgesagt und die Schulferien koreanischer Schulen verlängert, um die Ausbreitung der Viren zu bremsen. Internationale Schulen haben derweil selbst in Seoul, wo bisher kaum Infektionen gefunden wurden, die Klassen geschlossen und den Unterricht ins Internet verlegt.

Sozialer Druck zwingt auch Ausländer ins Glied

Ansonsten ist Vermummung das Gebot der Stunde. Fast alle Menschen gehen nur noch mit Maske vor die Tür. Niemand will aus der Reihe tanzen, nicht einmal Christian Taaks, Bürochef der deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung: „Der soziale Druck ist recht hoch.“

Er selbst glaubt, wie auch viele Virologen nicht, dass die Masken extrem gut schützen. „Aber auch ich habe heute zum ersten Mal in der U-Bahn eine Atemschutzmaske angelegt – nicht aus Einsicht, sondern, weil ich der einzige Fahrgast gewesen wäre, der keine getragen hätte.“ Denn wer die Sache scheinbar zu leicht nehme, isoliere sich und riskiere soziale Ächtung.

Der soziale Druck wirkt sich auch auf das Geschäftsgebaren aus. Telearbeit nimmt zu. Viele Unternehmen schränken zudem nicht nur Geschäftsreisen ein, sondern auch interne Treffen. Die Mitarbeiter werden angehalten, sich wenn möglich virtuell in Internetmeetings zu treffen. Ansonsten werden größere Konferenzen, Symposien und Feste reihenweise abgesagt – auch von ausländischen Gästen der Korea AG.

Event-Absagen in gesellschaftlicher Verantwortung

Der „Swiss-Korean Business Council“ hat kurzerhand seine Generalversammlung auf einen noch unbekannten Zeitpunkt vertagt, die deutsche Außenhandelskammer in Korea ihre geplanten Veranstaltungen, darunter auch ihr Grünkohlessen. „Wir haben aus gesellschaftlicher Verantwortung gemacht“, erklärt Kammerchefin Barbara Zollmann den Schritt. „Der Wendepunkt war für uns, als die Regierung am Sonntag Warnstufe Rot ausgerufen hat.“

Auch im Arbeitsalltag hat die Kammer reagiert. Das Büro ist so gut wie ausgestorben, weil die Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten – und auch die Chefin. Viele Unternehmen würden ebenfalls ausprobieren, wie sie in dieser Zeit noch Arbeitsfähigkeit bleiben, berichtet die Kammerchefin.


Denn die großen Konglomerate lassen ihre Fabriken nicht ruhen, sofern die Epidemie in China nicht ihre Lieferkette gestört hat. „Deren Zulieferer sind daher dazu aufgerufen, den Betrieb zu unterstützen“, sagt Zollmann. Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft aus Korea: Selbst bei Alarmstufe Rot muss die Wirtschaft weiterlaufen.

Mehr: Alle Entwicklungen in der Corona-Krise im Newsblog.

Source: Handelsblatt Online – Wirtschaft – Politik, Unternehmen und Finanzen
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