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Real ist schon Vergangenheit

Draußen Trillerpfeifen, Böller, Sirenen. Rund 500 Beschäftigte der Handelskette Real demonstrieren „gegen Lohndumping“, wie ein schreiend rotes Plakat verkündet. Doch nach drinnen, in das Kongresszentrum der Düsseldorfer Messe, dringt von den Protesten am Rheinufer kaum ein Laut bei der Metro-Hauptversammlung.

Drinnen verbreitet Vorstandschef Olaf Koch Aufbruchstimmung. „Wir schließen das Kapitel des Konglomerats ab und wir öffnen das Kapitel als reiner Großhändler“, sagt er. Oder: „Dieses Jahr werden wir Vollgas geben.“ Oder: „Wir werden nicht vergessen, welche wunderbare Substanz wir haben.“

Mitarbeiter der Supermarktkette Real demonstrieren vor Beginn der Hauptversammlung der Metro

Mitarbeiter der Supermarktkette Real demonstrieren vor Beginn der Hauptversammlung der Metro
Quelle: dpa-infocom GmbH

Die Szene illustriert einen Schnitt in der fast 60-jährigen Unternehmensgeschichte: Metro will wieder reiner Großhändler werden wie ganz am Anfang, jetzt aber in neuer, digitalisierter Form. Nicht nur Ware verkaufen, sondern Gastwirten, Restaurantbesitzern und kleinen Einzelhändlern durch den harten Alltag helfen, bei der Kalkulation bis hin zu einzelnen Menüs, bei der Betriebswirtschaft, bei der Logistik – das ist das Rezept. „Unser Auftrag ist es, kleine Unternehmen erfolgreich zu machen“, spitzt Koch das Geschäftsmodell werbewirksam zusammen. Das ist der Zukunftsentwurf.

Real ist für Koch schon Vergangenheit

Real, das ist für ihn dagegen ein Stück Vergangenheit. Das letzte große Stück. Längst ist Galeria Kaufhof verkauft, die Trennung von Media Saturn vollzogen, auch die Real-Töchter in Osteuropa und der Türkei sind weggegangen.

Das Problem ist bloß: Real ist de facto noch gar nicht verkauft. Zwar hatte Metro wenige Tage vor dem Aktionärstreffen gemeldet, mit dem potenziellen Käufer – einer Gruppe aus dem Immobilieninvestor x+Bricks und der deutsch-russischen SCP-Group – habe man eine „kommerzielle Einigung“ erzielt.

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Trennung von Metro

Doch der Vertrag ist noch nicht unterzeichnet, der wichtige Deal nicht unter Dach und Fach. „Die Teams sitzen beim Notar“, versicherte Koch. Es gebe noch einen „Gremienvorbehalt“, der sich voraussichtlich in der kommenden Woche ausräumen lasse.

Konkret, war von mit der Situation vertrauten Personen zu erfahren, bedeutet „Gremienvorbehalt“ in diesem Fall die noch fehlende Zustimmung des SCP-Aufsichtsrats. „Das ist weit mehr als eine Formalie“, hieß es. Die Kontrolleure würde die Risiken einer Real-Übernahme eingehend prüfen.

Die Aktionäre im Saal blieben verunsichert. Die Aktie, die zwischenzeitlich bis auf 16 Euro geklettert war, dümpele derzeit unter 13 Euro, monierten einige. Zum Jubeln sei es zu früh, meinte Aktionärssprecherin Jella Benner-Heinacher von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): „Der ausstehende Verkauf von Real hängt wie ein Damoklesschwert über der Metro-Aktie.“ Dass der erwartete Mittelzufluss nur 300 Millionen statt der zuvor genannten 500 Millionen Euro erreichen würde, trug zur Verunsicherung eher bei.

Real-Verkauf: „eine schmerzhafte Entscheidung“

Vermutlich hätte Koch nichts lieber getan, als den rechtsgültigen Abschluss des Deals vor den Metro-Anteilseignern zu verkünden. „Der Prozess war mühsamer und schwieriger, als man sich das von außen vorstellen kann“, gestand der Metro-Chef zu. Jetzt stehe er aber vor dem Abschluss, anderthalb Jahre nach der offiziellen Erklärung der Verkaufsabsicht.

Die Trennung sei unvermeidbar, argumentierte Koch. Allein im vergangenen Jahr habe Real 250 Millionen Euro an Cash verloren. Im vergangenen Geschäftsjahr sank der Umsatz der SB-Warenhauskette nochmals um 100 Millionen auf 6,7 Milliarden Euro, der Verlust versechsfachte sich auf 649 Millionen Euro.

Auch wenn man eine Abschreibung von gut 400 Millionen Euro herausrechnet, ergibt sich eine Verdopplung der roten Zahlen. Der Real-Verkauf sei „eine schmerzhafte Entscheidung, auch eine, die mich persönlich schmerzt“, versicherte Koch. Doch Metro können „dieses Geschäft nicht mehr tragen“.

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Die Schuld für die schwierige Situation gab er der Handelsgewerkschaft Ver.di, die Zugeständnisse bei den Tarifen hartnäckig verweigert habe. Ein Haustarifvertrag sei nicht durchsetzbar gewesen. Real habe aufgrund seiner Tariftreue für die 34.000 Mitarbeiter rund 30 Prozent höhere Personalkosten als die Wettbewerber tragen müssen, was einem Kostennachteil von jährlich 300 Millionen Euro entspreche.

Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger pochte kürzlich dagegen darauf, dass der Branchentarif auch weiter für Real gelten müsse: „Die Beschäftigten haben die klare und berechtigte Erwartung, dass Arbeitgeber und Politik dafür sorgen, dass die Arbeitsplätze zu guten Bedingungen erhalten bleiben“, sagte sie. Die Erosion der Tarifbindung im Handel könne nicht länger hingenommen werden.

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Jetzt steht Real vor der Zerschlagung. Geht das Unternehmen mit seinen fast 280 Märkten und 34.000 Mitarbeitern in Deutschland wie geplant an x+Bricks und SCP, wird die Kette zerlegt. Scheitert der Verkauf, wird sie wohl ebenfalls nicht weiterbestehen.

Als Käufer wird x+Bricks voraussichtlich zunächst rund 80 Märkte für zwei Jahre behalten, ein großes Paket mit rund 100 Standorten geht wohl aber an die Lidl-Schwestergesellschaft Kaufland. Edeka plant den Erwerb von 87 Filialen.

An weiteren Standorten sind Rewe, Globus, Tegut und andere Konkurrenten interessiert. 30 bis 40 Filialen dürften vor der Schließung stehen, etliche tausend Arbeitsplätze sind akut gefährdet.

Metro schafft mit Verkauf des China-Geschäfts Luft für Übernahmen

Für Metro entwarf Koch derweil eine glänzende Zukunft. „Das Unternehmen steht auf so starken Füßen und hat einen so starken Kern wie seit Jahren nicht mehr“, sagte er. Die Substanz sei stark. So gehörten Metro mit 335 Standorten mehr als die Hälfte der Filialen dem Konzern selbst.

Dies entspreche einem Buchwert von drei Milliarden Euro. Für das wachsende Online-Geschäft könnten Flächen nach und nach als Zustellzentren genutzt werden.

Zur Stärkung trage auch der Verkauf des China-Geschäfts bei, der die Bilanz mit einem Mittelzufluss von mehr als einer Milliarde Euro zusätzlich stärken und Spielraum für Zukäufe in Europa schaffen werde. Der Verkauf an den chinesischen Wumei-Konzern wurde im Februar unterzeichnet.

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Großhandel

Auch das laufende Geschäft entwickele sich gut. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 1,5 Prozent auf 29,9 Milliarden Euro, wobei das Zukunftsgeschäft des Großhandels um 2,4 Prozent und das Umsatz mit der Kernzielgruppe der Wirte, Restaurantbesitzer und Kantinenbetreiber um 4,5 Prozent und damit noch deutlicher zulegte.

Auch im ersten Geschäftsquartal des Anfang Oktober 2019 begonnenen Geschäftsjahrs entwickelte sich der Umsatz positiv. „Für uns als Aktionäre ist die Zitterpartie vielleicht bald vorbei, für die Mitarbeiter von Real fängt sie erst an“, resümierte Benner-Heinacher.

Source: Wirtschaft – WELT
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