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Das Masken-Problem

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie dürfte sich außerhalb des Gesundheitswesens kaum jemand für Masken interessiert haben. Einst ein Centartikel werden Masken nun für schamlos hohe Preise im Internet verhökert. Auch deutsche Unternehmen spielen beim Maskenpoker mit.

Als „noch relativ gering“ bezeichnet der Zwischenhändler mit der Website wirliefernmasken.de den Kaufpreis von 29 Euro für zehn Einwegmasken – der einer Preissteigerungsrate von mehr als 300 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau entspricht. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Die Maskenproduktion sei derzeit wie „Gelddrucken“, sagt ein chinesischer Produzent.

Doch Maske ist nicht gleich Maske. Zu unterscheiden ist zwischen der einfachen OP-Maske, auch Einwegmaske genannt, und teureren FFP-Masken, den sogenannten Atemschutzmasken. Diese sind unterteilt nach drei Qualitätsstufen.

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Die meisten Alltagsmasken können gewaschen werden und sind damit anders als OP-Masken wiederverwendbar. Man geht zwar davon aus, dass sie andere Menschen schützen, die Masken entsprechen aber keiner offiziellen Sicherheitsrichtlinie.

Wie hoch ist der Bedarf an Masken?

Alleine deutsche Kliniken brauchen monatlich 17 Millionen FFP-Masken sowie 45 Millionen OP-Masken, schätzen Gesundheitsexperten. In einer Bedarfsliste des Gesundheitsministeriums ist die Zahl der OP-Masken für den Monat März sogar mit 150 Millionen beziffert.

Benutzt darüber hinaus jeder Einwohner Deutschlands pro Woche eine Maske, ergibt sich ein Monatsbedarf von 332 Millionen Masken alleine im privaten Bereich. Der tatsächliche Verbrauch könnte aber auch erheblich höher liegen, denn eigentlich ist die OP-Maske ein Einwegartikel. Hier können wiederverwendbare Masken Abhilfe schaffen, die nun vielerorts produziert werden.

Nicht mit eingerechnet sind dabei jene Masken, die bei der Arbeit getragen werden müssen. Das Arbeitsministerium empfahl am Donnerstag: „Wo Trennung durch Schutzscheiben nicht möglich ist, werden vom Arbeitgeber Nase-Mund-Bedeckungen für die Beschäftigten und alle Personen mit Zugang (zu) dessen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.“

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Schaut man in die neuste Ausschreibung des Gesundheitsministeriums, ergibt sich folgende Rechnung: Die Menge an zu beschaffenden OP-Masken wird mit 20 bis 40 Millionen pro Woche beziffert, was im Jahr 1,04 bis 2,08 Milliarden Stück entspricht. Gelistet sind außerdem fünf bis zehn Millionen FFP2-Masken pro Woche, was 260 bis 520 Millionen Stück im Jahr entspricht.

So sieht es auf dem Markt aus

„Die ganzen Masken kommen doch aus China“, ist derzeit oft zu hören. Das stimmt nur teilweise. 2019 war China mit 17 Prozent Marktanteil der weltweit größte Exporteur von medizinischer Schutzausrüstung. Dazu gehören neben Seife, Desinfektionsmittel und Schutzbrillen auch Masken. Auf Platz zwei und drei folgen Deutschland und die USA mit jeweils 13 und zehn Prozent Marktanteil.

Was die Produktion einfacher OP-Masken angeht, ist China allerdings mit Abstand Weltmarktführer, gefolgt von Taiwan. Rund 1000 Hersteller sind in China aktiv, hinzu kommen Hunderte Unternehmen, die in China produzieren lassen. Der Anteil Chinas an der Gesamtproduktion von OP-Masken lässt sich nur schwer ermitteln, dürfte aber bei mehr als 75 Prozent liegen.

Der Gesamtwert von exportierter Schutzausrüstung lag vergangenes Jahr bei rund 135 Milliarden Dollar – 2020 dürfte dieser Wert erheblich steigen. „Einwegmasken waren in den vergangenen Jahren aus Kostengründen auf unseren europäischen Märkten nicht nachgefragt, ebenso wenig wie Community-Masken, die nun von der Bundesregierung im ÖPNV und beim Einkaufen empfohlen werden“, heißt es beim Textilverband. Im Zuge der Krise ändert sich das gerade.

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Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, geht davon aus, dass die Sterberate in Deutschland weiter ansteigen wird. Zudem gibt er Informationen zum Umgang mit Schutzmasken. Die komplette Pressekonferenz sehen Sie hier.

Quelle: WELT

Denn auf dem deutschen Markt stellen gerade Hunderte Firmen auf Maskenproduktion um. Fast jedes zweite deutsche Mode- und Textilunternehmen sei kurzerhand in die Produktion von Schutzausrüstung eingestiegen, sagt Verbandsgeschäftsführer Uwe Mazura gegenüber WELT. „Lieferketten werden neu aufgebaut, Kapazitäten vergrößert und ganze Produktionslinien umgestellt.“

Die derzeitige Maskenproduktion, also die hergestellte Menge, sei angesichts der Dynamik aber nicht zu beziffern – täglich kommen neue Betriebe hinzu. „Viele mittelständische Unternehmen gehen trotz existenzbedrohender Folgen an ihre betriebswirtschaftlichen Grenzen. Die Herausforderungen sind enorm“, sagt Mazura.

Vom Maskenboom profitieren auch die Zulieferer, insbesondere Produzenten von Vlies. Das Familienunternehmen Innovatec Microfibre Technology aus Troisdorf bei Köln zum Beispiel. Der Mittelständler ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer bei Vliesstoffen für OP-Masken.

2020 soll die Produktion so stark ausgeweitet werden, dass Vlies für vier Milliarden OP-Masken geliefert werden könnte. Dazu sollen zwei neue Anlagen mit einem Investitionsvolumen von zehn Millionen Euro errichtet werden. Drei Millionen davon schießt der Bund zu – denn als zusätzliche Anreize zur heimischen Maskenproduktion laufen derzeit staatliche Subventionen an.

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Firmenchef Daniel Krumme kündigt eine Verlagerung des Absatzschwerpunkts von Asien nach Deutschland an. Zugleich warnt er vor einer Goldgräberstimmung in der Branche, die unseriöse Anbieter anziehen könne. Alleine der Bund hat mehr als zwei Milliarden OP-Masken jährlich zur Beschaffung ausgeschrieben. „Solche Mengen locken natürlich auch Glücksritter“, sagt Krumme.

Kann der Bedarf durch heimische Produktion gedeckt werden?

Dass nun viele Unternehmen ihre Produktion umstellen, kann zumindest Abhilfe schaffen. Ob der rasant steigende Bedarf an Schutzausrüstung dadurch gedeckt wird, ist aber fraglich. Denn die tatsächliche Zahl an produzierter Ware lässt sich im Einzelnen derzeit nicht ermitteln.

Oliver Teuteberg vom Verband der Nordwestdeutschen Textil-und Bekleidungsindustrie ist zuversichtlich und glaubt, dass es möglich ist. Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie, ist gleicher Meinung: „Wenn der Aufbau von Produktionskapazitäten in Deutschland politisch gewollt ist und es garantierte Abgabemengen zu fairen Preisen gibt, dann kann die Medizintechnikbranche solche Kapazitäten aufbauen.“

Drei bis vier Monate daure das im Fall der OP-Masken. Um die „strategische Unabhängigkeit“, die sich die Regierung wünsche, aber langfristig zu sichern, hält Möll ein Konjunkturprogramm für die mittelständisch geprägte Branche für nötig.

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Quelle: WELT

Jochen Werner, Leiter der Essener Uniklinik, begrüßt den Vorstoß der heimischen Produktion ebenfalls, warnt jedoch, dass das Gesundheitswesen noch weiter unter Druck gerät, wenn die Einkaufspreise für Schutzartikel steigen.

Nahezu alle in der Essener Universitätsmedizin eingesetzten OP-Masken werden aus China geordert. Aktuell verhandelt die Klinik mit deutschen Firmen, die in die Produktion einsteigen wollen. „Entscheidend bei einer Umstellung ist, ob die Kosten zu halten sind. Wer zahlt am Schluss die Rechnung?“

Der steigende Bedarf an Masken dürfe zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Medizintechnikindustrie von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise getroffen ist, heißt es beim Branchenverband Spectaris. „Die Auftragseinbrüche übersteigen die Neuabschlüsse bei Weitem.“ Pandemierelevante Medizinprodukte seien nur ein Teil des Inventars der Medizintechnik und würden keine gesamte Industrie tragen.

Diese deutschen Unternehmen produzieren bereits länger Masken

Um unabhängiger von Lieferungen aus dem Ausland zu werden, möchte die Bundesregierung die Eigenproduktion stärken. Als Anreiz gibt es nun Zuschüsse vom Staat.

Einige Unternehmen sind schon länger in der Produktion aktiv. Die meisten Betriebe sind im Süden Deutschlands ansässig. Sollten Masken in den kommenden Monaten tatsächlich zum Alltagsgegenstand werden, kann die deutsche Produktion mit hochgefahrenen Kapazitäten zumindest einen Teil des Bedarfs decken.

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Ein Name, der nun immer häufiger fällt, ist Dräger. Das börsennotierte Unternehmen aus Lübeck produziert Stückzahlen in Millionenhöhe, vor allem in Schweden und Südafrika. Im September soll ein neuer Standort in den USA den Betrieb aufnehmen – der Großauftrag kam laut Dräger vom US-Gesundheitsministerium.

Ein entscheidender Versorger dürfte bald der Mittelständler Dach Schutzbekleidung aus dem baden-württembergischen Rastatt sein. 25 Millionen OP-Masken und etwa eine Million FFP-Masken lässt der Betrieb derzeit schon in China herstellen. Zudem sollen ab Mai auch in Rastatt selbst Masken produziert werden – bis zu 1,5 Millionen Stück am Tag.

Mehr als zwei Millionen FFP-Masken hat seit Mitte Februar das bayrische Unternehmen Take Cair hergestellt. Die Artikel sollen vor allem an Unikliniken geliefert werden, laut Medienberichten steht eine Zusammenarbeit mit dem bayrischen Wirtschaftsministerium an.

Eine Auswahl deutscher Unternehmen, die die Produktion umstellen

Der Gesamtverband Textil und Mode hat unter seinen Landesverbänden eine Umfrage zur Maskenproduktion durchgeführt. Das Ergebnis: 550 Unternehmen seien bereits in die Herstellung beziehungsweise Zulieferung mit eingestiegen. Der 1863 gegründete Textilfabrikant Eterna Mode aus Passau beispielsweise hat einen Teil seiner Produktion umgestellt. Ein Schnäppchen ist auch diese Maske nicht: 3,90 Euro kostet das Stück, den Hunderterpack gibt es für 350 Euro.

Die Brandstätter-Gruppe ist wohl nur wenigen Menschen außerhalb Bayerns ein Begriff. Weithin bekannt ist hingegen ihr Kernprodukt: Playmobil. Da aber auch Spielwarenhändler während des Lockdowns geschlossen sind, schwenkte der Betrieb auf die Produktion von wiederverwendbaren Masken um. Außergewöhnlich: Diese bestehen, genau wie Playmobil, aus Kunststoff.

Noch skurriler wirkt zunächst die Maskenkreation des Kaffeefilterherstellers Melitta aus Minden – sie gleicht einem Kaffeefilter. Das dreilagige Spezialvlies erfülle europäische Standards für OP-Masken mit einer „Bakterien-Filtrations-Effizienz“ von annähernd 100 Prozent, schreibt das Unternehmen. Bis zu einer Million Stück pro Tag könnten produziert werden. Sogar FFP-Masken sind nun geplant.

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Die ZF Friedrichshafen AG ist eigentlich Zulieferer für die Automobilindustrie. Seit Anfang März stellen die Schwaben wie andere Unternehmen aus der Automobilbranche auch OP-Masken her. Das geschieht jedoch nicht am Bodensee, sondern in China.

Da in Zeiten der Pandemie weniger geheiratet wird als sonst, sinkt auch die Nachfrage für Hochzeitskleider. Der Berliner Brautmodenhersteller Bianco Evento will deshalb bald pro Woche rund 35.000 Masken und 5000 Kittel produzieren.

Bestellungen von hunderttausenden Masken seien bereits beim schwäbischen Textilhersteller Trigema eingegangen. Geschäftsführer Wolfgang Grupp sagt, durch die Produktionsumstellung verhindere er Kurzarbeit. Auffällig hoch ist auch hier der Preis: 10 Masken gibt es für 120 Euro.

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