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„Essen verdient niedrigsten Preis“ – Edeka erntet Bauern-Zorn

Edeka wird 100 – klarer Grund zum Feiern und willkommener Anlass, ordentlich Reklame für die Supermärkte zu machen. Dachten sich die Verantwortlichen wohl. Doch mit seinem Werbespruch lag Firmen-Jubilar Edeka Minden-Hannover gründlich daneben. „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“, plakatierten die Werbestrategen. Als Blickfang links daneben der Komiker Otto Waalkes.

Viele Bauern aus der Umgebung fanden den Slogan trotz Einsatz des beliebten Friesen überhaupt nicht komisch. Sie reagierten vielmehr so empört auf das, was sie als Verramschen der von ihnen erzeugten Nahrung wahrnahmen, dass sie unverzüglich zur Tat schritten. Mit schätzungsweise 250 Traktoren blockierten sie in der Nacht zum Montag das Edeka-Zentrallager in Neuenkruge im Ammerland, sodass sich stundenlang bis in den frühen Morgen keine Liefer-Lastwagen auf den Weg zu den Läden machen konnten. Noch am Vormittag stellten sich der Deutsche Bauernverband und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hinter die protestierenden Landwirte.

Demo vor dem Edeka-Zentrallager in Neuenkruge im Ammerland

Demo vor dem Edeka-Zentrallager in Neuenkruge im Ammerland
Quelle: picture alliance/dpa

Dabei war alles bloß ein Missverständnis – wenn stimmt, was Edeka Minden behauptet: Mit dem Wort „Essen“ seien überhaupt nicht Lebensmittel gemeint gewesen, sondern der Ort Essen im Landkreis Oldenburg. Dies ist eine aus 18 Bauernschaften bestehende Gemeinde, gelegen zwischen Quakenbrück und Cloppenburg und durchfeuchtet vom Flüsschen Hase. In einer Stellungnahme der Handelskette heißt es: „Ziel der Marketingkampagne war es, alle Ortschaften, wie zum Beispiel auch Minden oder Bremen in unserem Absatzgebiet individuell anzusprechen.“ Oder eben Essen/Oldenburg. Die missverständlichen Plakate seien umgehend entfernt worden.

Was sich somit wie eine Posse aus dem platten Land ausnimmt, hatte erhebliche Folgen – als erstes die spontane Demo der erbosten Bauern. Organisiert worden war sie von dem Netzwerk „Land schafft Verbindung“, das in den letzten Wochen bereits häufiger mit Trecker-Demos Städte lahmgelegt hatte, etwa während der soeben beendeten Grünen Woche in Berlin. „Mehr Wertschätzung für unsere Nahrungsmittel“ forderte denn auch ein Nutzer namens „Bauer mit Heimat“ auf Twitter.

Der immer wieder ausbrechende Unmut der Landleute wirkt auch auf die Bundespolitik alarmierend. Das zeigt die prompte Reaktion auf die Blockadeaktion in der norddeutschen Provinz. Noch am Vormittag meldete sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu Wort – mit deutlicher Kritik an Edeka.

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Sie könne den Ärger der Bauern verstehen, ließ sie wissen. „Es ist wie David gegen Goliath, wenn Bauern mit dem Handel verhandeln. Dass gerade Lebensmittel immer wieder für Lockangebote und für Dumpingpreise herhalten müssen, kann ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen“, so die Politikerin. Der Handel stelle Tiefpreise immer mehr heraus. „Da darf man sich nicht wundern, wenn Verbraucher sich daran gewöhnen“, meinte Klöckner. Sie wolle das Thema beim nächsten Treffen im Kanzleramt zur Sprache bringen, kündigte sie an.

Missbraucht Edeka seine Marktmacht?

Auch der Deutsche Bauernverband stellte sich hinter die ländliche Zorn-Aktion gegen Edeka. „Hier sollen hochwertige Lebensmittel verramscht werden. Wertschätzung von Essen und Lebensmitteln erzeugt man damit nicht“, sagte Verbandspräsident Joachim Rukwied. Er forderte, das Bundeskartellamt einzuschalten.

Die Wettbewerbshüter müssten „dringend überprüfen, ob Edeka erneut seine Marktmacht mit missbräuchlichen Methoden ausnutzt, um seine Werbeziele zu erreichen“. Der genossenschaftliche Edeka-Verbund ist der größte deutsche Lebensmittelhändler. Die sieben Regionalgesellschaften gelten als Rückgrat der Organisation. Minden-Hannover ist die größte davon.

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Eine aggressive Tiefpreis-Werbung wäre für Edeka insofern kurios, als sie quer zum sonst gepflegten Markenimage läge. Normalerweise stellt sich Edeka als Kette dar, bei der hohe Qualität eine große Rolle spielt, etwa über den seit Jahren bundesweit genutzten Spruch „Wir lieben Lebensmittel“. Mit dem Billig-Argument, zürnte Rukwied, lasse sich das nicht erreichen: „Qualität und Nachhaltigkeit oder Zusammenarbeit in der Lieferkette bringt man so nicht nach vorn.“

Das Otto-Plakat, so wie es Bauern, Verbände und Politiker verstanden haben, ginge nach Einschätzung von Experten auch komplett an den Wünschen der Konsumenten vorbei. Die Nielsen-Marktbeobachtung stellte am Montag eine Studie vor, nach der Achtsamkeit und Nachhaltigkeit inzwischen zum dominierenden Ernährungstrend geworden sind. Zwei von drei Verbrauchern legen danach vor dem Supermarktregal besonderen Wert auf Umwelt (60 Prozent) und Tierschutz (61 Prozent). Der Preis sei beim Lebensmitteleinkauf dagegen aktuell für weniger Deutsche entscheidend als noch vor drei Jahren. Nielsen hatte für die Studie 11.000 Verbraucher befragt.

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Source: Wirtschaft – WELT
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