Posted on

Neuer Henkel-Chef stellt Strategie vor – Aktie verliert sechs Prozent

Nach enttäuschenden Jahreszahlen 2019 und einem Chefwechsel vor wenigen Wochen kündigte der neue Henkel-Spitzenmann und frühere Finanzchef Carsten Knobel am Donnerstag einen strategischen Umbau an. Bei einer Überprüfung habe sich gezeigt, dass für Marken und Produktsegmente mit einem Umsatzvolumen von mehr als einer Milliarde Euro Handlungsbedarf bestehe, sagt Knobel. Etwa die Hälfte davon werde voraussichtlich verkauft oder eingestellt.

Betroffen seien hauptsächlich die Konsumentengeschäfte. Dazu zählen bei Henkel die Geschäftsfelder Wasch- und Reinigungsmittel sowie Schönheitspflege mit Marken wie Schwarzkopf, Fa oder Syoss. Der geplante Umbau sei „keine kleine Sache, sondern er ruft eine deutliche Veränderung in unserem Portfolio hervor“, sagte Knobel zur Einordnung.

Genauere Angaben über die Regionen und Geschäftsfelder, von denen sich das Unternehmen trennen wird, wollte er nicht machen. Ebenso wenig wollte er dazu Stellung nehmen, wie viele Mitarbeiter von den Änderungen betroffen seien.

Lesen Sie auch

Online-Handel

Henkel beschäftigt insgesamt rund 50.000 Menschen, die Stilllegungen und Verkäufe betreffen etwa 2,5 Prozent des Umsatzes. Daraus könne man aber keine Hochrechnungen ableiten, versicherte der Vorstandschef. Die Beschäftigten werden wohl bald informiert werden, denn Henkel will die Maßnahmen bis Ende kommenden Jahres durchziehen.

Geschäfte im Umfang von weiteren rund 500 Millionen Euro werden einer Bewährungsprobe unterzogen. Sie müssen in den nächsten Monaten nachweisen, dass sie auch künftig in den strategischen Rahmen passen und die Ansprüche des Vorstandes an Rendite und Nachhaltigkeit erfüllen.

Zugleich werde Henkel seine starke Bilanz nutzen, um Beteiligungen und Firmen in Geschäften zuzukaufen, die der Vorstand als zukunftsfähig erachtet. Mit Beteiligungskäufen von 12,5 Milliarden Euro seit dem Jahr 2008 habe das Unternehmen bewiesen, dass es die Integration von Neuzugängen beherrsche.

Unternehmen am Wendepunkt

Vor allem in der Sparte Klebstoffe für die Industrie gehe es darum, die Spitzenposition auszubauen. Henkel sieht sich mit zahlreichen Großkunden etwa in der Auto- und Elektronikindustrie als Weltmarktführer in diesem Bereich.

Knobel vollführt eine Gratwanderung. Auf der einen Seite muss er versuchen, neuen Optimismus bei Mitarbeitern und Investoren zu wecken. Andererseits würde ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit auch seine eigene Arbeit infrage stellen.

Denn er hat das Unternehmen maßgeblich mitgeprägt. 1995 hatte er als Vorstandsassistent in Düsseldorf angefangen, die vergangenen acht Jahre war er im Vorstand als Finanzchef tätig. „Ich arbeite seit 25 Jahren in unterschiedlichen Rollen in diesem Unternehmen“, sagte er am Donnerstag, „Henkel ist mein Zuhause.“

Quelle: Infografik WELT

Das Unternehmen stehe jetzt an einem Wendepunkt, könne sich aber beim anstehenden Umschwung auf ein solides Fundament aus einer gesunden Bilanz und starken Marken stützen.

So ist Henkels Uralt-Marke Persil, eingeführt im Jahre 1907, immer noch unberührt von Umbrüchen und Schwankungen. Der Waschmittelklassiker habe den stärksten Beitrag zum ohnehin nennenswerten Wachstum des Geschäftsfeldes Wasch- und Reinigungsmittel geleistet. Ein Plus von 3,7 Prozent weist der Geschäftsbericht für Persil aus. Allerdings sank insgesamt auch in dieser Sparte der Gewinn.

Die Ergebnisse des abgelaufenen Jahres seien insgesamt „nicht zufriedenstellend“ ausgefallen, gestand Knobel ein. Der Nettogewinn schrumpfte um annähernd zehn Prozent und landete mit gut zwei Milliarden Euro auf dem Niveau von 2016.

Umsatzanstieg geht überwiegend auf Wechselkurse zurück

Der leichte Umsatzanstieg um ein Prozent auf 20,1 Milliarden Euro ist eher eine optische Täuschung, denn er geht überwiegend auf veränderte Wechselkurse zurück. Während die Klebstoffsparte unter der anhaltenden Schwäche der Industriekonjunktur leidet, lasten steigende Marketingkosten auf dem verbrauchernahen Geschäft mit Waschmitteln und Kosmetik.

Doch es seien nicht nur die Tageseinflüsse, die das Unternehmen bremsen, meinte Knobel: „Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren an Leistungsfähigkeit eingebüßt“, sagte er und gibt zu, dass der Vorstand im Rückblick Fehler gemacht habe.

Statt der Konzentration auf Kostensenkung und steigende Gewinnmargen müsse jetzt das Wachstum wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. Dazu zähle auch eine deutliche Betonung von Nachhaltigkeit und ein ständiger Nachschub an neuen, nützlichen Produkten.

Lesen Sie auch

Körperpflege

Die Investoren muss er vom Effekt der Änderungen noch überzeugen. Bis zum Nachmittag stürzte der Kurs der börsennotierten Vorzugsaktien – die stimmberechtigten Aktien kontrolliert die Familie – um nahezu sechs Prozent auf gut 81 Euro.

Zu den besten Zeiten, im Sommer 2017, waren die Papiere fast 130 Euro pro Stück wert. Im vergangenen Jahr koppelten sich Henkel-Aktien weiter nach unten vom Durchschnitt der Konsumgüterbranche in Europa ab.

Zur Talfahrt am Donnerstag hat das vergleichsweise schwache Geschäft zum Jahresende beigetragen. Der Betriebsgewinn sei im vierten Quartal um fünf Prozent niedriger ausgefallen als erwartet, notierte etwa Alan Erskine, Analyst bei der Schweizer Bank Credit Suisse.

Lesen Sie auch

Eine schnelle Wende konnte der Vorstand auch jetzt nicht in Aussicht stellen. Erst mittelfristig werde das Wachstum wieder anziehen. 2020 werde wohl ein weiteres Übergangsjahr, in dem der Umsatz gar nicht oder allenfalls leicht wachsen und die Umsatzrendite schrumpfen werde.

Allein die Corona-Krise werde im ersten Quartal sicher 100 Millionen Euro Einbußen im Geschäftsvolumen von Henkel verursachen. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung sei dadurch noch vergrößert worden.