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Warum die Deutschen dem blauen Riesen so sehr vertrauen

Allianz-Chef Oliver Bäte hat im Laufe seiner Karriere viele Menschen mit seinem starken Selbstbewusstsein verstört. Nicht wenige empfinden den 54-Jährigen als unangenehm arrogant. Sie wird es umso mehr ärgern, dass Bäte aktuell allen Grund dazu hat: Er liefert Rekordergebnisse. Jahr für Jahr.

Die Allianz ist seit Jahren eine Gewinnmaschine und der erfolgreichste deutsche Finanzkonzern. Mit einer Marktkapitalisierung von fast 100 Milliarden Euro ist der Versicherer das drittwertvollste Unternehmen im deutschen Leitindex Dax – nur das Technologieunternehmen SAP und der Gasehersteller Linde kommen auf eine höhere Marktkapitalisierung.

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Damit lässt die Allianz nicht nur die Deutsche Bank deutlich hinter sich, sondern ist sogar wertvoller als die Autohersteller Volkswagen, BMW oder Daimler, das Industrieunternehmen Siemens oder der Pharmakonzern Bayer. Es scheint fast so, als wäre sie das einzige Unternehmen, der einst so mächtigen Deutschland AG, das noch kerngesund ist.

„Hoffentlich Allianz versichert“. Der frühere Werbeslogan des Versicherers hat sich tief in das Gedächtnis vieler Deutscher eingegraben und wirkt dort noch heute. Während die Reputation vieler anderer Finanzkonzerne in den vergangenen zehn Jahren stark gelitten hat, ist der Ruf der Allianz immer noch makellos – und das Vertrauen in den blauen Riesen immens.

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Davon haben die Münchner insbesondere in der Niedrigzinsphase profitiert. Während viele Lebensversicherer unter den hohen Garantieversprechen der Vergangenheit japsten und das Neugeschäft angesichts sinkender Renditen zurückging, reagierte die Allianz schnell und brachte ein neuartiges Produkt mit gelockerten Garantien aber höheren Renditen auf den Markt. Die Wettbewerber reagierten erst Jahre später mit einem vergleichbaren Produkt.

Doch gerade in unsicheren Zeiten wie diesen vertrauen viele Menschen ihr Geld lieber dem blauen Riesen an – in der Hoffnung, dass dieser in einer Krise als Letzter fällt. Kein Unternehmen gilt als so solide und stabil. Inzwischen gibt die Allianz im Neugeschäft branchenweit den Ton an – vor allem ihr ist es zu verdanken, dass die Beitragseinnahmen der deutschen Lebensversicherer deutlich stiegen.

Gewinn legt um sechs Prozent zu

Konzernweit stieg der operative Gewinn im vergangenen Jahr auf fast zwölf Milliarden Euro. Unter dem Strich blieben mit knapp acht Milliarden Euro sechs Prozent mehr übrig als ein Jahr zuvor. Die Gewinnerwartung für das laufende Jahr schraubte der Versicherungsriese weiter nach oben: 11,5 bis 12,5 Milliarden Euro sollen 2020 zu Buche stehen.

Die aktuellen Zahlen sind das eine. Die langfristigen Zukunftsaussichten sind das andere. Hier steht die Allianz vor großen Herausforderungen. Diese treffen auf einen Konzern, der traditionell sehr solide ist, aber eben auch sehr technokratisch und hierarchisch geprägt.

Gründlichkeit geht dabei vor Tempo, hohe Kosten haben Tradition und waren bislang nie ein Problem. Doch das ändert sich gerade. Bäte weiß das, und er will, dass die Allianz schneller und effizienter wird.

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Ihre Produkte sollen trotz der sehr komplexen Anforderungen deutlich günstiger und kundenfreundlicher werden sowie länderübergreifend einsetzbar sein. „Technologie ist nicht nur ein Übel“, sagte Bäte am Freitag. Und machte damit deutlich, wie wichtig es ist, die Chancen der Digitalisierung zu erkennen. Offenbar geht es nicht allen Mitarbeitern in seinem Unternehmen so.

Wenn der Allianz-Chef seine Visionen erläutert, wirkt er zwar überzeugend, aber auch auffallend übereifrig. Manche Gesprächspartner fühlten sich dadurch überrannt. Im Gespräch mit Investoren ließ er mitunter den eigenen Finanzvorstand nicht zu Wort kommen. Er kann sich selbst einfach nicht bremsen.

Sagt er bei einer Rede „letzter Kommentar“ oder „last comment“, bleibt es fast nie dabei. Manches lässt sich durch seinen beruflichen Hintergrund erklären. Bäte startete seine Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey. Schon hier galt er als sehr kreativ und visionär, aber nicht sonderlich strukturiert.

Bäte ist auf Ideen und Personen fokussiert

Er sei ein Multisprinter, sagt ein ehemaliger Kollege, der ihn schon seit mehr als 20 Jahren kennt. Er laufe viele Rennen ohne Pause und wolle dann an mehreren Stellen gleichzeitig sein. „Das schafft er natürlich nicht und verärgert damit Menschen.“ Dafür sei er aber sehr leidenschaftlich und emotional. „Olli ist alles andere als kalt und klinisch. Er ist fokussiert auf Ideen und Personen – dafür brennt er“, sagt der frühere Wegbegleiter.

Doch in der behäbigen Allianz hat der aktivistische Chef seit Beginn seiner Amtszeit viele verstört. Bäte war schlau genug, darauf zu reagieren. Er will die Mitarbeiter ja mitnehmen, sie sollen sich nicht als Befehlsempfänger, sondern als seine Sparringpartner fühlen. „Das Leben ist keine gerade Linie, aber es ist schön zu sehen, dass wir immer besser werden“, sagte er am Freitag versöhnlich. Immerhin. Lob und Anerkennung klingen jedoch anders.

Eine unsichere Zukunft, ein unduldsamer Chef, unausgegorene Pläne – was bleibt als Ausweg? Vielleicht eine Übernahme? Der erste Megadeal kommt erst mal nicht, sagte Bäte. Tatsächlich gebe es nur Zukäufe in einzelnen Ländern.

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Stattdessen gibt die Allianz ihr Geld derzeit lieber aus, um am Kapitalmarkt eigene Aktien zurückzukaufen. Bis zum Jahresende will Bäte eigene Aktien im Wert von bis zu 1,5 Milliarden Euro kaufen. Seit seinem Amtsantritt hat er schon 7,5 Milliarden Euro für eigene Aktien ausgegeben.

Der größte europäische Versicherer baut damit seine durch Gewinne jährlich wachsende Kapitaldecke teilweise ab, behält sich aber seit dem vergangenen Jahr etwas Spielraum für kleinere Zukäufe vor. Der Kurs ist seither um fast 50 Prozent gestiegen und liegt mittlerweile bei mehr als 200 Euro – welch anderer deutscher Finanzwert ist noch so stabil?

Source: Wirtschaft – WELT
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